Kultur : Tüllschichten, Timbre und Tenöre Belcanto total: Fleming & Vargas, Calleja & Lisnic

Frederik Hanssen

Der Modeschöpfer Oscar de la Renta ist nicht nur ein großer Frauenversteher, sondern offensichtlich auch ein intimer Opernkenner. Renée Fleming zumindest hat er ein Kleid geschneidert, das perfekt ihre stimmlichen Qualitäten widerspiegelt. Wenn die amerikanische Sopranistin bei der „Italienischen Nacht“ die Berliner Waldbühne betritt, denkt man unwillkürlich an ein Sahnebaiser. Dann aber wird klar, dass die unzähligen Tüllschichten ihr Timbre repräsentieren, das zugleich frappierend üppig und doch so duftig ist. Die blassrosa Farbe der Robe steht für das Jungfrauenhaft-Unschuldige, das Renée Fleming in die „Adriana Lecouvreur“-Arie zu legen weiß, die Pailletten funkeln wie ihre mühelos hingetupften Koloraturen in „Mercè, dilette amice“ aus Verdis „Vespri siciliani“. Es ist die raffinierte Erotik des staunenden Augenaufschlags, die Renée Fleming verströmt – und in der Klosterszene aus Massenets „Manon“, dem musikalischen Herzstück des Abends, vollendet einsetzt. Natürlich ist die Naivität gespielt, all die Opernfrauen bleiben in ihrer Interpretation Figuren von kunstvoller Künstlichkeit: eben faszinierend-fremdartig wie die Haute couture.

Ramon Vargas, ihr Gesangspartner an diesem eiskalten Berliner Open-Air- Abend, darf die Mode nicht als Geheimbotschafterin benutzen – die Konvention zwingt ihn zum Frack. Glücklicherweise kann er sich auf die Aussagekraft seiner vokalen Rhetorik verlassen: Der mexikanische Tenor begnügt sich nicht damit, südlich-sinnlich zu schmachten (was zweifellos genügen würde, um ihm die Sympathien der rund 10000 Besucher zu sichern). Er arbeitet mit den Texten wie ein Schauspieler im Sprechtheater, nutzt die Pausen nicht nur zum Luftholen, sondern als sinngebenden, wenn auch tonlosen Teil der melodischen Linie. Dass es in der Waldbühne dennoch erst ganz am Ende volksfestlich wird, liegt nicht nur an den unitalienischen Temperaturen, sondern auch am anspruchsvoll-akademischen Programm, das sich vor den Zugaben jeder Stimmungsmache verweigert, sowie am Phlegma des Dirigenten Jesus Lopez-Cobos, der dem Deutschen Symphonie-Orchester nur laue Routine abfordert, wo engagierte Hitze gefragt wäre.

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Wer sich zum Geburtstag eine Belcanto-Gala schenkt, der möchte die Herzen seiner Gäste erweichen. Er verzichtet auf geschliffene Rhetorik und donnernde Dramatik, der streift durch die Gärten der Hoffnung und Melancholie. Der Nikolaisaal Potsdam gönnt sich zum fünften Geburtstag einen Flug in die Nacht, durch die schon ein Hauch herbstlicher Kühle zieht. 360000 Zuschauer haben seit der Eröffnung ihren Weg in Rudy Ricciottis futuristischen Konzertsaal gefunden. Eine Zahl, die den Nikolaisaal sicher vom Schicksal der meisten Belcanto-Helden scheidet: dem einsamen Tod in verwehender Schönheit.

Mit Joseph Calleja, dem jungen maltesischen Startenor, steht ein Mann auf der Bühne, der selbst schwer entflammbaren Gemütern Tränen in die Augen treibt. Aufgeregt und mit jugendlicher Naivität betritt er das Podium, nichts wirkt an Calleja wie ein verblüffender Zaubertrick. Und dann gleich „Der Liebestrank“: „Una furtiva lagrima“, leichter Rauch in der Tiefe, zarter Reif in der Mitte, Feuer in der Höhe. Ein Gesangspathos wie von weit her, von einer Schellack-Platte mit den Stimmen der ganz Großen: Caruso, Gigli … Die Sopranistin Tatjana Lisnic mutet ihrer schön geformten Stimme mit einer Arie aus Bellinis „I Puritani“ einen zu schweren Start zu, gewinnt dann aber Freiheit und katzenhafte Koketterie. Dafür, dass der Abend nicht allzu von Tränen trieft, sorgt Scott Lawton am Pult des Deutschen Filmorchesters Babelsberg. Er verwandelt jede Ouvertüre in krachende Filmschwarten. Das passt gut zum Spanferkel, das sich vor dem Nikolaisaal am Spieß dreht. Ulrich Amling

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