Kultur : Tür an Tür

Saverio Costanzos Palästina-Film „Private“

Hans-Jörg Rother

Die Geschichte ist tatsächlichen Ereignissen nachgeformt: Israelische Soldaten besetzen im Westjordanland ein palästinensisches Haus und erklären die oberen Etagen zur Kriegszone, während im Parterre die Familie wohnen bleibt. Wochen und Monate vergehen, man kennt einander, zumindest die Gesichter. So geht es Mohammed, seiner Frau und ihren drei Kindern: Eines Nachts ist der Trupp von Kommandant Ofer in das einsam gelegene Anwesen eingedrungen und hat die Familie ins Wohnzimmer gesperrt. Das geschieht nun Abend für Abend – und niemand weiß, worin die militärische Notwendigkeit besteht und wie lange die Okkupation dauern soll.

Saverio Costanzos Spielfilm lotet die Nervenanspannung aus, die die unerwünschten Gäste der Familie auferlegen. Sie ist durchaus gewollt, schließlich wäre man die Hausherren am liebsten ganz los. So meint die Frau bald, es nicht mehr aushalten zu können, der kleine Sohn zittert vor Angst, und der große kann beim Stiefeltrampeln nicht lernen. Doch der Vater will sich nicht vertreiben lassen – sogar dann noch, als ihn der Kommandant mit der Pistole bedroht. Also lenkt er den Jungen mit Geschichten ab, mahnt die anderen mit offenbar unerschütterlicher Geduld zur Disziplin.

Doch Mohammed (verkörpert von Mohammed Bakri, einem der beliebtesten palästinensischen Schauspieler, auch Regisseur der Dokumentation „Jenin, Jenin“) entgeht manches. Der große Sohn bastelt im Gewächshaus an einer Sprengstofffalle. Die Tochter schleicht in die obere Etage, um aus einem Wandschrank die Soldaten zu beobachten. Einer spielt Flöte und darf es nicht, ein anderer täuscht Wachsamkeit vor, indem er ab und zu auf einen Baum schießt. Das Mädchen erfährt als Erste, dass der Trupp abzieht. Die Freude der Familie währt nur kurz.

Der junge italienische Regisseur Costanzo will mehr als Unrecht anklagen. Seine Geschichte erzählt von der fast absurden Hoffnung, Israelis und Palästinenser könnten das Trennende beiseite schieben und einander verstehen. Der Blick des Mädchens durch den Türspalt und das stumme Zeichen des Soldaten, der sie bemerkt, aber nicht verrät, durchbrechen für einen Moment die Front des Hasses. Doch indem er darüber rasch hinweggeht, postuliert und widerlegt der Film den von ihm vertretenen Pazifismus zugleich.

„Private“ wurde aus Sicherheitsgründen nicht in Palästina, sondern in Italien gedreht. Doch ein Haus in Kalabrien sieht anders aus als eines in der Westbank, die Landschaft erst recht – da mögen alle Darsteller Palästinenser und Israelis sein. Hinter der Kamera und in den zuweilen aufgeregten Dialogen sind zudem ein Temperament und ein – mitunter betont kunstvolles – Stilgefühl am Werk, das eher nach Italien als in den Nahen Osten passt. So erweist sich „Private“, 2004 in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, als ästhetischer Zwitter. Aktuell ist er dennoch.

Broadway, Eiszeit, Hackesche Höfe (alle OmU)

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