Türkische Kunst in Berlin : Minenballett

Fenster in ein Land, das sich immer mehr verschließt: Türkische Kunst im Kreuzberger Freiraum für Fotografie und der Galerie Edition Block.

Anne-Sophie Schmidt
Momentaufnahme. Kemal Aslan mischte sich unter die Protestierenden des Gezi-Parks.
Momentaufnahme. Kemal Aslan mischte sich unter die Protestierenden des Gezi-Parks.Foto: Türkiyeli / f3 / Courtesy Kemal Aslan

Es gibt in der türkischen Sprache zwei Wörter für die Türken: „Türk“ und „Türkiyeli“. Letzteres wird seit den 80ern als Alternative zum konservativen „Türk“ („Türke/Türkin“) verwendet. Der Begriff bezeichnet Menschen unabhängig von ihrer Religion oder ethnischen Identität und vermeidet damit einen nationalistischen Anstrich. „Türkiyeli“ ist auch der Titel einer Ausstellung im Kreuzberger Freiraum für Fotografie. „Türkiyeli“, aus der Türkei stammend, sind sowohl die Künstler als auch die Porträtierten, seien sie Frauen oder Männer, Kurden oder Armenier, hetero- oder homosexuell. In Zeiten von Repressionen und Inhaftierungen von Regierungskritikern in der Türkei werden die Botschaften subtiler.

Hinter einem frisch zugeschaufelten Grab kniet zusammengesunken ein verzweifelter junger Mann, umringt von einer Schar Männer. Er muss gestützt werden. Die Schwarz-Weiß-Fotografie des Künstlers und Magnum-Fotografen Emin Özmen ist gegen die Sonne aufgenommen. Die Gesichter sind durch Blendenflecken in helles Licht getaucht, das der Szene etwas Friedliches verleiht. Der Betrauerte auf dem Bild ist einer der über hundert Toten, die im Oktober 2015 friedlich in Istanbul demonstrierten und einem Bombenanschlag zum Opfer fielen.

Der Austausch mit Deutschland ist wichtig

Die Arbeit ist beispielhaft für eine neue Generation junger Fotografen in der Türkei, die sich in den letzten zehn Jahren herausgebildet hat. Sie beobachten gesellschaftliche Entwicklungen und markieren zugleich einen ästhetischen und thematischen Sprung in der türkischen Fotografiegeschichte, die sich erst seit der Jahrtausendwende neuen Erzählformen geöffnet hat. Emin Özmen und die sechs weiteren gezeigten Künstler entstammen dieser neuen Generation. Sie zeigen einen facettenreichen Blick auf die aktuellen Entwicklungen in ihrer Heimat. Diese Ausstellung ist ein Fenster in ein Land, das sich zunehmend verschließt. Laut Kuratorin Katharina Mouratidi ist für die türkischen Künstler gerade deswegen der anhaltende Austausch mit Deutschland wichtig. Man ahnt, dass ihre Ausstellung nur unter Schwierigkeiten zustande kam. Die Informationen über die Hintergründe sind rar.

Emine Akbaba fotografierte den Ort eines Ehrenmordes.
Emine Akbaba fotografierte den Ort eines Ehrenmordes.Foto: Türkiyeli / f3 / Courtesy Emine Akbaba

Einen intensiven Dialog mit türkischen Künstlern führt auch René Block, und das seit über zwanzig Jahren. In seiner Galerie Edition Block zeigt er die Ausstellung „Isimsiz“ (übersetzt: „Ohne Titel“). In Ayse Erkmens Video hüpfen abstrakte grüne Objekte wie am Fließband in einer Reihe, unterlegt von Pfeif- und Atemgeräuschen. Was auf den ersten Blick heiter anmutet, hat einen makabren Beigeschmack. Als „Landminenballett“ bezeichnet René Block die Arbeit; die hüpfenden Formen sind Modellen eines Landminenkatalogs nachempfunden. Die Berliner Ausstellung hat ein Pendant in Istanbul. In der dortigen Zilberman-Galerie werden die Auflagenobjekte unter der deutschen Überschrift „Ohne Titel“ präsentiert. Als Doppel spiegelt die Ausstellung den Charakter des Auflagenobjekts wieder: die Existenz und Gleichwertigkeit des Abwesenden.

So unterschiedlich die beiden Ausstellungen sind, eines haben sie gemeinsam – neben der Tatsache, dass die Teilnehmer alle „türkiyeli“ sind: Sämtliche Künstler blicken auf ihr Land, die einen mit einer offensichtlich politischen Botschaft, die anderen spielerischer.

f3 Freiraum für Fotografie, Waldemarstr. 17, bis 12.11.; Di bis So 13 – 19 Uhr. Edition Block, Prager Str. 5, bis 4.11.; Mi bis Fr 11 – 18 Uhr, Sa 12 – 16 Uhr.

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