Kultur : Türkischer Frühling

Schnelle neue Welt: ein Besuch auf der 12. Kunstbiennale im Hafen von Istanbul

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Boom und Zerstörung. „Rad-Catcher of Hamelin“, eine Arbeit des amerikanischen Künstlers Mark Bradford in den Antrepo-Hallen am Hafen. Foto: dpa
Boom und Zerstörung. „Rad-Catcher of Hamelin“, eine Arbeit des amerikanischen Künstlers Mark Bradford in den Antrepo-Hallen am...Foto: dpa

Ein vor allem an den Südrändern strauchelndes Europa muss Respekt haben vor der Türkei. Die Wirtschaft wächst in chinesischen Dimensionen, es herrscht ein ungebremster Ultrakapitalismus, der politische Einfluss in der arabischen Welt nimmt zu. Dort wurde der türkische Regierungschef Erdogan unlängst wie ein Heilsbringer empfangen, während Staatspräsident Gül diese Woche in Berlin aus der Rolle des Bittstellers nicht wirklich herauskam. Man kann von einem türkischen Frühling sprechen, und er dürfte stabiler sein als der arabische.

Istanbul boomt, das zeigt sich auch im Kulturbetrieb. Die 12. Biennale am Bosporus stellt sich der internationalen Herausforderung. In den Antrepo-Hallen am Hafen, im Schatten der massigen Kreuzfahrtschiffe, macht sich die Schau an die Erkundung der neuen Welt. Die Kuratoren Jens Hoffmann und Adriano Pedrosa stammen aus Brasilien, ihr Fokus liegt auf Künstlern der arabischen und lateinamerikanischen Hemisphäre. Europa spielt eine untergeordnete Rolle.

Diese schnelle neue Welt, die sich in der Ausstellungsarchitektur des Japaners Ryue Nishizawa ausfaltet, ist labyrinthisch. Als blutroter Faden dient das Werk des 1996 gestorbenen Künstlers Félix Gonzaléz-Torres (Kuba/USA), auf seine politischen Arbeiten spielt der Titel der Biennale an: „Untitled“. Man kann dieses „Ohne Titel“ auf vielfache Weise lesen und interpretieren, dazu laden die fünf Biennale-Sektionen beredt ein. Ohne Worte sind sie auf keinen Fall.

Von Gonzalés-Torres selbst ist kein Stück zu sehen, er ist ein untoter, phantomhafter Reisebegleiter; eine Art Borges’sche Fiktion. Mona Hatoums zartes Geflecht aus Menschenhaar in der Abteilung „Abstraction“ führt das Abstrakte sogleich an seinen natürlich-kreatürlichen Ursprung zurück. Hier begegnet man am Anfang auch schon dem Leitmotiv der Biennale: der Vermessung des Planeten, auf dem wir alle Fremde sind, zu Fremden gemacht werden. Alexander Gutke lässt sein 16-Millimeter-Filmmaterial, auf dem ein Maßband zu sehen ist, über sämtliche Ecken und Kanten des Raumes laufen.

Das setzt sich in den anderen Räumen, in so vielen Arbeiten fort. Das Messen und Zählen, die Listen und Karten, Zeitleisten. Es sind traditionelle, aber auch exzentrische und polemische Versuche der Orientierung. Simon Evans, ein in Berlin lebender Engländer, ist ein wahrer Listenfreak. Er hat einen eigenen Raum für seinen bösen, depressiven, autoaggressiven Humor. „Your unprocessed pain is not art“, heißt es da, Betroffenheit ist noch keine Kunst. Aber „Untitled“ macht betroffen: In der Sektion „Ross“, benannt nach Gonzalés-Torres’ Lebensgefährten, der an Aids starb, stößt man auf homoerotische Keramik aus dem Ardmore Studio, Südafrika. Neobarocke Pracht und Verschlingung, kontrastiert mit Aids-Aufklärung. Und wieder schmerzvolle politische Geografie: Zarina Hashmi zeigt eine Serie von Holzschnitten, stilisierte Stadtpläne von Bagdad, Kabul, Jenin, Beirut, Sarajewo. Konfliktherde, Opferstätten – und ganz unten New York, dargestellt durch zwei hohe Rechtecke, die Schatten der Twin Towers. Schrift und Zeichen überall, ein vielstimmiges Memento mori.

Ist Geschichte gesichtslos geworden? Voluspa Jarpa stellt in „Biblioteca de No Historia“ schwarze titellose Bände an die Wand, sie enthalten Dokumente der chilenischen Militärdiktatur. In den Hallen der Biennale tobt ein stiller Kampf um Schrift und Zeichen, um Identität, Vergessen und Erinnerung. Das Schicksal der Menschen ist das Schicksal der Bücher und umgekehrt. Julieta Aranda hat für ihre Installation einen Haufen Bücher zur Geschichte des 20. Jahrhunderts pulverisiert und in einen Plexiglaskubus geschüttet, mit einem Kompressor, der das weiße Mehl durcheinanderwirbelt. Bisan Abu-Eisheh (Palästina) drapiert in Vitrinen Alltagsgegenstände aus Häusern, die Israels Armee zerstört hat. In der Sektion „Death by Gun“ starrt man auf Fotos italienischer Vendetta-Opfer, Exekutionen, Waffen, Einschusslöcher, Leichen. Gewalt ohne Ende, Mord als menschliche Konstante: Das ist nicht neu, aber umso erschreckender in der blitzsauberen Anordnung dieser Biennale, die zuweilen wie ein Naturkundemuseum einer ausgestorbenen Gattung erscheint.

Die martialischen Fotos aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Gettysburg 1863, und Tina Modottis mexikanische Revolutionsikonen aus den 20er Jahren, die das Kuratorenduo wie Erinnerungsposten dazwischensetzt, haben da fast eine beruhigende Wirkung. Man ist versucht zu glauben, dass Geschichte damals noch ein Gesicht hatte, also von Menschen bestimmt wurde, nicht von erbarmungslosen Mächten, die mal in Lateinamerika, mal im Nahen Osten so planlos wie systematisch die Zivilisation planieren – oder die Zivilisation sind.

Gelegentlich gibt es emotionale Entlastung, auf den ersten Blick jedenfalls. Ahmet Ögüt platziert eine Zwei-Euro-Münze und eine türkische Lira nebeneinander auf schwarzem Samt und nennt die beiden beinahe identischen Geldstücke „Perfect Lovers“. Sein Kommentar dazu: Europa wird immer älter, die Türkei immer jünger. Es ist also nicht mehr allzu viel Zeit für eine glückliche, wenn nicht sogar perfekte Verbindung. Heimatlosigkeit ist das Thema dieser Biennale, und die zeitgenössische Kunst, mag sie sich auch noch so detailistisch geben, hat hier ihr großes Narrativ. Manch einem mag die Präsentation zu sortiert daherkommen, doch daraus ergibt sich auch Spannung. Sie pflegt eine stille Reflexion grausamer Zeitgeschichte. Sie liest sich in einigen Teilen wie ein Roman von Roberto Bolano, wie „2666“. So konstruiert, so blutig.

Von Berliner Gallery Weekends, Kunstmessen und dergleichen ist man ja einiges gewohnt. Dieser Auftrieb wird in Istanbul locker übertroffen. Die Parallelveranstaltungen zur Biennale sind kaum zu überblicken. Sponsoren, ohne die hier nichts läuft, laden zu Empfängen auf gigantischen Baustellen, traumhaften Dachterrassen in Beyoglu, in ihre mit neuer Kunst gefüllten Bosporusvillen und Altstadthäuser ein.

Der Hauptsponsor der Biennale, die Koc-Familie, hat in Istanbuls Hauptgeschäftsstraße, der Istiklal, ein eigenes Kunsthaus, mit Dependance in Berlin, und demnächst wird der Name Koc auch in New York im Metropolitan Museum of Art stehen, über der orientalischen Abteilung. Istanbul ist „eine Stadt auf Anabolika“, wie der türkische Kurator Vasif Kortun in einem Interview sagte. Istanbul versprüht eine Energie, die ihren Preis hat – und die der Preis eines galoppierenden Neoliberalismus ist. Die erste Biennale am Bosporus fand 1987 statt. Seitdem sind Jahrhunderte vergangen.

„Untitled“, 12. Biennale Istanbul, bis 13. November. www.12b.iksv.org

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