Kultur : Türkisches Trauma

Panorama: Yesim Ustaoglus „Bulutlari Beklerken“

Daniela Sannwald

Vor sechs Jahren fing es an: Damals lief „Reise zur Sonne“ im Wettbewerb der Berlinale, mit dem die türkische Regisseurin Yesim Ustaoglu es zu internationaler Bekanntheit brachte. „Reise zur Sonne“ handelte vom Leben kurdischer Landflüchtlinge in Istanbul. Jetzt hat sich Ustaoglu einem weiteren politisch brisanten Thema zugewandt: den griechisch-türkischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges. In „Bulutlari Beklerken“ (Waiting for the Clouds) erinnert sich Ayshe, eine ältere Frau am Schwarzen Meer, an traumatische Erlebnisse ihrer Kindheit.

Damals gehörte ihre Familie zu der unter russischem Schutz stehenden griechischen Minderheit in der Türkei, die jedoch, als in Russland die Revolution ausbrach, auf den Marsch nach Griechenland zurückgeschickt wurde. Gleichzeitig wurden die in Griechenland lebenden Türken in die Gegenrichtung in Bewegung gesetzt. Bevölkerungsaustausch war die euphemistische Bezeichnung für die beidseitigen Vertreibungen, bei denen Tausende von Menschen starben.

Ustaoglu stammt vom Schwarzen Meer und ist, so sagt sie, zwangsläufig auf Biografien gestoßen, die der ihrer fiktiven Heldin Ayshe ähneln. Mit dem Thema stieß sie in der Türkei nicht unbedingt auf Sympathie. „Die Intellektuellen stehen dem Thema mit der gleichen Ignoranz gegenüber wie der kurdischen Problematik“, sagt Ustaoglu. Niemand will darüber sprechen. So kann man mit der Vergangenheit aber nicht umgehen, sonst schlägt sie eines Tages zurück.

Ihre Heldin Ayshe verlor 1916/17 nicht nur die Eltern, sondern auch den kleinen Bruder, und wurde von einer türkischen Familie aufgenommen, bei der sie unter falschem Namen blieb. Nun, im Alter, fragt sie sich, ob ihr Bruder noch lebt, und, ausgelöst durch den Tod ihrer geliebten Adoptivschwester, möchte sie ihre Identität nicht länger verleugnen und macht sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. Traumverloren muten die Filmschauplätze an: weite Berglandschaften, tiefhängende Wolken, Holzhäuschen auf Bergwiesen, wohin die schwer arbeitenden Frauen das Vieh treiben. Die meisten sind wahre Bewohnerinnen der Region, das verraten ihre wettergegerbten, früh gealterten Gesichter; sie sehen wie die Großmütter aus, nicht wie die Mütter ihrer Kinder. Väter gibt es keine. „Die Männer sind Zuckerbäcker“, sagt Ustaoglu und lächelt, „das können sie gut. Viele von ihnen sind in die Stadt oder ins Ausland gegangen. Haben Sie noch nie von der Patisserie der Schwarzmeerküste gehört?“

Heute, 22 Uhr (Zoo Palast 1); morgen, 13.30 Uhr (Cinemaxx 7); 15.2., 14.30 Uhr (International)

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