Tugan Sokhiev und das DSO beim Musikfest Berlin : Wirbelwind durch die Philharmonie

Das Deutsche Symphonie Orchester startet im Rahmen des Musikfests unter Tugan Sokhiev mit Reimann, Schumann und Tschaikowsky in die Saison.

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Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO seit 2012.
Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO seit 2012.Foto: David Beecroft

Das Vibrato verhalten, die Phrasierung haarfein austariert, ein inniger Gesang mit großem Atem: Zur Saisoneröffnung zelebriert das Deutsche Symphonie Orchester ein Tutti-Piano, das einen auf der Stelle in Bann zieht. Bei den Nervositäts- und Flageolett-Passagen in Aribert Reimanns „Sieben Fragmenten“ für Orchester in memoriam Robert Schumann, bis hin zur Ruinenmusik der zuletzt heillos verlorenen Piccolo-Flöte. Ebenso bei Schumanns selten gespielten Konzertstücken, bei den behutsam gesetzten Pizzicati zu Beginn von op. 134 genauso wie bei den flirrenden Naturlautmalereien von op. 92.

Nach der Pause verbreiten die Streicher in der Eingangs-Élégie von Tschaikowskys Orchester-Suite Nr. 3 bei den schnellen Aufwärts-Skalen einen surrealen Glissando-Schimmer. Die Valse mélancolique verlegen sie auf schwankenden Grund, und in der dritten Variation des langen Finalsatzes fegt das DSO wie ein Wirbelwind durch die Philharmonie.

Verschworene Klangemeinschaft unter Sokhiev

Unter Chefdirigent Tugan Sokhiev hat sich das Orchester mittlerweile zu einer Klanggemeinschaft verschworen, deren Amalgamierkünste der Musik des 19. Jahrhunderts besonders gut stehen. Im „Dies Irae“-Zwischenruf bei Tschaikowsky leisten sie sich ein erstes auftrumpfendes Forte, dann erst wieder in den schmetternden Schlusstakten der Suite. Und selbst hier federn sie die Enden ab – ein fernes Echo auf die hingebungsvolle, mit bestechend eleganten Rubati durchsetzte Solo-Kadenz von Konzertmeister Wei Lu.

Die Spielweise des Pianisten Jean-Frédéric Neuburger bei Schumanns Konzertstücken passt leider nicht zur Subtilität des Orchesters. Neuburger meißelt die Töne, drängt zugleich nervös vorwärts. Während das DSO Schumann transzendiert, mischt der Solist ihn auf - nicht selten übertönt das Klavier das Orchester. Auch bei der Zugabe, Debussys Prélude „Brouillards“, leidet die Ausdrucksintensität unter der Ungeduld des 27-jährigen Franzosen.

So entlässt dieser Abend, gewidmet dem kürzlich verstorbenen Maestro Lorin Maazel – er war DSO-Cefdirigent von 1964 bis 1975 –, einen am Ende unbefriedigt. Auch wegen des kurzatmigen Programms, ohne ein Werk mit großem Bogen. Kein Wunder, dass das Publikum bei Tschaikowskys Suite zwischen den Sätzen klatscht; es gibt schlüssiger gebaute Werke des Komponisten. Und das allzu schlichte Variationsthema des vierten Satzes, man ist es schnell leid.

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