Kultur : Tugend und Terror

Brief an Amerika: Osama bin Laden polemisiert gegen den Westen, die Juden, die Verderbtheit

Robert von Rimscha

Fangen wir nicht mit Osama bin Laden an. Fangen wir an mit dem, was der linksliberale Europäer derzeit in den transatlantischen Kummerkasten stecken würde. Was nervt ihn an den USA? Was würde er gern mal George W. Bush schreiben?

„Mit Abfall und Treibhausgasen zerstören Sie die Umwelt in schlimmerer Weise als irgendeine andere Nation der Geschichte. Dennoch weigern Sie sich, das Kyoto-Abkommen zu unterzeichnen, um den Profit Ihrer gierigen Firmen zu erhalten.“ Dieser Vorwurf würde gut passen. Oder nehmen wir den Internationalen Strafgerichtshof: „Auf schamlose Weise bestehen Sie darauf, dass Ihre eigenen Kriegsverbrecher Immunität erhalten.“ Oder nehmen wir, abstrakter, das Thema Doppelmoral: „Heuchelei im Verhalten wie in den Prinzipien: Alle Eigenschaften, Grundlagen und Werte folgen zwei Meßlatten, einer für Sie, einer für alle anderen.“ Beispiel Massenvernichtungswaffen: Die gewaltsame Beseitigung gilt nur „für jene Länder, denen Sie nicht gestatten, solche Waffen zu besitzen“. Beispiel Umgang mit Kriegsgefangenen: „Guantanamo ist eine historische Peinlichkeit...was ist Ihre Unterschrift unter Verträge und Abkommen noch wert?“ Es folgt die Grundsatzkritik am Relativismus des Westens: „Jene Freiheit und Demokratie, die ihr fordert, gilt nur für euch selbst und die weiße Rasse.“ Habe der Westen etwa nicht geholfen, den Wahlsieg der Islamisten in Algerien zu sabotieren?

Wechseln wir die Position, begeben wir uns in den Kopf eines christlich-fundamentalistischen Amerikaners. Worüber würde der sich bei seiner eigenen Regierung beschweren? Vielleicht darüber, dass sie Gott aus der Gesellschaft verbanne: „Sie trennen Religion von Politik und erheben sich, Ihre eigenen Gesetze zu erschaffen.“ Frauen, „die wie Konsumprodukte ausgebeutet werden“, Drogen, die praktisch frei zirkulieren, Alkohol, Homosexualität, Prostitution, Glücksspiel, all das, was die Verderbtheit westlicher Kultur angeblich ausmacht, es findet sich in den Köpfen vieler Amerikaner wieder. Etliche dürften auch der Frage zustimmen: „Wer kann vergessen, was für immoralische Akte Präsident Clinton im Oval Office begangen hat?“ Und viele würden auch dieser Einschätzung folgen: „Euer Gesetz ist das Gesetz der Reichen, die über den politischen Parteien thronen und ihre Wahlkämpfe mit ihren Geschenken finanzieren.“

Nur stammt jede dieser Vorhaltungen aus einem „Brief an Amerika“, der jetzt auf Englisch und im Namen von Osama bin Laden im Londoner „Observer“ publiziert wurde. Der Text hat zwei Teile. Im ersten behandelt der Terrorfürst die Gründe, die ihn zum Kampf gegen Amerika treiben. Palästina ist sein prominentestes Beispiel für die Unterdrückung des Islam. „Wenn Scharon in Bushs Augen ein Mann des Friedens ist, dann sind wir auch Männer des Friedens.“ Doch auch Tschetschenien, Irak, Kaschmir und Somalia führt er an. Für den arabischen Raum gelte, dass „die Entfernung dieser Regierungen“ eine Pflicht sei, da sie sich vom Westen das Öl stehlen ließen. Ausführlich setzt sich das Pamphlet mit den Gründen auseinander, warum auch der Angriff auf Zivilisten zulässig sei. Ist Amerika nicht das selbsterklärte Land der Freiheit, wählen die Amerikaner etwa nicht selbst ihre Regierung? Bin Laden, so er denn der Autor ist, folgert daraus: „Das amerikanische Volk hat sich entschieden.“ Daher müsse es auch die Konsequenzen tragen.

Der zweite Teil des Textes trägt den Titel: „Wozu rufen wir Sie auf, was wollen wir von Ihnen?“ Zunächst: Amerika solle sich zum Islam bekennen, zum „Siegel auf allen vorherigen Religionen“. Amerika, „die schlimmste Zivilisation, die die Menschheitsgeschichte bezeugt“, müsse sich von der Unmoral abwenden. „Rühmt euch doch, dass ihr der Welt Aids als satanische amerikanische Erfindung gebracht habt“, heißt es. Neben unzähligen Ausfällen gegen Juden hat der Autor raffiniert prominente Amerikaner zu Kronzeugen seiner Tiraden gemacht. Benjamin Franklin sei es doch gewesen, der vor den Exzessen des Kapitalismus gewarnt habe.

Gegen Ende kehrt der Text zu sehr konkreten Forderungen zurück. „Packt euer Gepäck und verlasst unsere Länder. Zwingt uns nicht, euch in Särgen als Fracht zurückzuschicken.“ Und dann noch einmal: „Lasst uns in Ruhe. Oder erwartet uns in New York und Washington.“ Rhetorisch fragt der Autor zum Schluss sich selbst: „Wissen die Amerikaner jetzt, warum wir sie bekämpfen?“

Sie können es wissen. Das Dokument, ob echt oder nicht, ist in jedem Fall ein akkurates Kaleidoskop der Halbwahrheiten, Schmähungen, Übertreibungen und zulässigen Kritik, die Teile der Welt gegen die USA hegen. Nun kann man mit einem Massenmörder keinen rationalen Dialog führen, man muss ihn stoppen. Jenseits des Terrors ist an den Ideen, die der Text transportiert, aber vor allem eines bemerkenswert: Kaum verbrämt blitzt immer wieder die Sehnsucht nach universellen Werten hervor – nach Werten auch, für die zu stehen Amerika behauptet.

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