Kultur : Tulpentypen

Rémy Markowitsch erzählt mit Blumenbildern vom Crash der Wirtschaft

Jens Hinrichsen

Grazil, wie eine Primaballerina der Pflanzen, lässt die Riesenknolle aus Polyester ihre Zwiebelhaut herabringeln. Rémy Markowitschs kapriziöse Skulptur mit Innenbeleuchtung wirkt in der Galerie Eigen und Art zunächst wie eine zerrupfte Designerlampe, entpuppt sich aber bald als Memento des frühesten Börsencrashs der Finanzgeschichte - als die ersten Zocker auf die Zwiebel trafen.

„Bullish“ nennen Broker die Erwartung steigender Kurse, „Bulbs“ sind Blumenzwiebeln. Die Ausstellung „Bullish on Bulbs“ erinnert an den Tulpenwahn in den Niederlanden und den katastrophalen Zusammenbruch des Marktes im Februar 1637. Tausende waren ruiniert, in Konkurs ging auch der Maler und Spekulant Rembrandt van Rijn, das berühmteste Opfer der schrecklich-schönen neuen Wirtschaftswelt. Markowitschs Sittengeschichte der Begehrlichkeiten führt bis in die heutige Zeit – Stichwort Immobilienkrise – und kommt auch am Autokönig und Antisemiten Henry Ford (1863-1947) nicht vorbei, dessen gespenstisches Konterfei über einer versehrten Industrielandschaft erscheint.

In erster Linie geht es Markowitsch aber gar nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger auf die Auswüchse des Kapitalismus zu deuten. Jagen und Sammeln, Geld und Gier, sie scheinen in dieser Ausstellungsinszenierung eher auf als anthropologische Konstanten. Doch nichts ist unmöglicher als Lustgewinn ohne Risiko. Verführerisch wirken die edlen Blüten, die der Künstler auf großen Farbreproduktionen feilbietet. Allerdings sind die Seiten des Buchs „Flowers and Colors“ im Durchlicht fotografiert, wodurch sich jeweils zwei Tulpentypen überlagern. Der Betrachter spürt die Qual der Wahl. Hinter jeder Option kann sich Sieg oder Pleite, eine Glücksblume oder ein bitterer Blütenkelch verbergen. Schlüssel zum Verständnis der Serie sind die Bildtitel, die aus dem Katalog klassischer Börsenoptionen entlehnt sind. Sie tragen die Namen verschiedener Tulpensorten. Dem Investor verspricht die „Parisian Option“ oder die „Himalayan Option“ schwindelerregende Gewinne. Augenzwinkernd legt Markowitsch die jeweiligen Spielregeln bei, die so unkontrollierbar erscheinen, dass man sein Investorenglück wohl doch lieber auf dem vergleichsweise durchschaubaren Kunstmarkt sucht.

Mit einem kräftigen Wasserschwall lässt der 50-jährige Berliner Künstler schweizerischer Herkunft die Begriffs- und Assoziationsfelder dann weiter blühen. Seine Medieninstallation „Bubbles and Tears“ spielt mit dem emotionalen Aspekt hochfahrender Träume – und mit ihrem jämmerlichen Scheitern. Auf dem Videomonitor plätschert eine Dusche. Der kaputte Brausekopf ist mit Klebeband umwickelt, was an einen Turban erinnert. Auf diese persische Frühform der Kopfbedeckung geht auch der Name „Tulpe“ zurück. Das auf der Tonspur gesampelte Weinen und Schluchzen diverser Filmschauspielerinnen lässt es einem kalt den Rücken hinunterlaufen. Inklusive der Todesschreie, die aus der wohl berühmtesten Nasszelle der Filmgeschichte hallen: In „Psycho“ stiehlt eine junge Frau 40 000 Dollar, um mit ihrem Geliebten ein glücklicheres Leben anzufangen. Auch sie hat sich bekanntlich böse verspekuliert. Jens Hinrichsen

Galerie Eigen + Art, Auguststraße 26, bis 21. Dezember, Di. bis Sa. 11-18 Uhr.

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