Kultur : Tunesischer Film: Kreislauf des Schweigens

Silvia Hallensleben

Tunesien gilt zu Recht als einer der islamischen Staaten, in dem die Frauen relative Freiheit genießen. 1957 schon hat Habib Bourguiba, erster Präsident des frisch unabhängigen Landes, dem weiblichen Geschlecht weitgehende Rechte zugestanden. Heute gibt es in Tunesien Frauen in fast allen Berufen. Die Abtreibungsregelung ist selbst für westliche Länder liberal. Dennoch existieren immer noch zahlreiche Ungerechtigkeiten. Auch im nordafrikanischen Musterländle regieren traditionell patriarchale Werte - doch es ist möglich, die Stimme dagegen zu erheben. Eine von denen, die das seit Jahren mit Vehemenz tun, ist die Regisseurin Moufida Tlatli. Sie wurde für ihr Engagement gelobt, auch heftig kritisiert. Das Wort verboten hat man ihr nie.

Tlatli, die ihr Handwerk in den Mittsechzigern an der Pariser IDHEC erlernt hat, hat sich seit 1972 als Cutterin im arabischen Kino einen bedeutenden Ruf erworben. 1993 hat sie ihren ersten eigenen Spielfilm verwirklicht, den vielfach preisgekrönten "Les silences du palais" (Das Schweigen des Palastes), der in einem vielschichtigen Bilderbogen die erniedrigenden Lebensbedingungen der Frauen in der tunesischen Oberschicht benennt. In "Das Schweigen des Palastes", sagt Moufida Tlatli, sei es um Fragen ihrer Herkunft gegangen. Mit ihrem neuen Film begibt sie sich in die Zukunft, versucht Antworten auf Fragen, die ihre Tochter ihr stellen könnte. Drei Generationen von Frauen zeigt Tlatli in "Zeit der Männer, Zeit der Frauen". Da ist Aicha und ihre beiden kleinen Töchter. Die Schwägerin Zeineb. Und Omni, Aichas Schwiegermutter.

Zwei vielfach miteinander verschränkte Zeitebenen zieht der Film auf. Da ist das Damals: Aicha ist frisch verheiratet und doch allein, denn die Familie lebt auf Djerba, Ehemann Said aber arbeitet in Tunis als Teppichhändler. Nur einmal im Jahr kehrt er wie viele andere Männer der Insel für ein paar Wochen zur Familie zurück. Um sich verwöhnen zu lassen und Nachwuchs zu zeugen. Männlichen Nachwuchs. Aicha hat dabei bisher versagt. Das lässt vor allem die Schwiegermutter sie spüren. Auch ihr Wunsch, dem Gatten nach Tunis zu folgen, ist an diese Bedingung geknüpft: erst ein Sohn. Dazwischen das Heute: Aicha hat endlich den Sohn geboren. Doch der ist behindert, jetzt soll er in eine Anstalt.

Aicha wehrt sich, will mit den Kindern zurück auf die Heimatinsel. Und sie geht. Doch die Töchter leben längst in anderen Welten. Die eine hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann. Die andere kämpft nach einem Vergewaltigungsversuch mit psychosomatischen Problemen: "Mein ganzer Körper tut mir weh." Der Befund ist symptomatisch. Die Sonne strahlt zwar über dem Haus und dem Meer. Die Bougainvillea blüht üppig. Frauen schnippeln Gemüse und weben. Doch unter den malerischen Gewändern lebt sexuelle Entbehrung. Manche warten das Jahr, andere ein ganzes Leben. Zeineb, die traurigste Figur in diesem Film, wurde früh mit einem Mann verheiratet, der nach der Hochzeitsnacht verschwand. Jetzt ist sie einsam - und doch gebunden. Dass sie dann wieder eine Annäherung wagt, ist einer der anrührendsten und ermutigendsten Momente des Films.

Auch die "Zeit der Männer" ist nicht von Glück bestimmt. Denn das Liebesleben, wie Aichas Mann es sich vorstellt, sieht weibliche Eigenlust nicht vor. Doch es sind die Frauen selbst, die die eigene Unterdrückung an die Töchter weitergeben, meint Tlatli.

Der Film kommt in seiner träumerisch distanzierten Bildsprache wie auch der exemplarischen Figurenkonstellation fast märchenhaft metaphorisch daher. Doch auch hier schöpft Tlatli konkret aus ihrer eigenen Geschichte. Sie selbst kämpfte nach einem Vergewaltigungsversuch mit dem Unverständnis der Familie. Aber die Regisseurin ist entschlossen, den Kreislauf von Repression und Schweigen aufzubrechen: durch die Debatte. Und durch Filme - auch wenn die Vertriebsbedingungen in dem kleinen Land schlecht sind und Produktionen nur mit europäischen Partnern möglich. Und ins arabische Ausland funktioniert der Filmaustausch gar nicht.

So viel Verantwortung auch bei den Einzelnen bleibt, die Gesellschaft entlässt Tlatli nicht aus der Verantwortung. Schließlich ist sie auch eine gestandene Altachtundsechzigerin. Die Unterdrückung der Frauen sei das erste Verbrechen des Fundamentalismus, meint sie. Tunesien habe noch Glück gehabt, weil es wegen mangelnder Ressourcen dem Ausbeutungsinteresse der Großmächte entgangen sei. Und der Kampf gegen deren Herrschaft habe die Gewaltbereitschaft des arabischen Patriarchalismus heftig befördert. Jetzt lebt Tunesien vom Tourismus statt vom Öl. So weit sei Djerba auch nicht von Berlin entfernt. Schließlich werde auch hier die sexuelle Freiheit an bestimmte Attraktivitätsideale fixiert - und ebenso wenig werde darüber gesprochen. Für einen Augenblick sind die Grenzen fließender, als mancher denkt.

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