Kultur : "Tunnel über der Spree": Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Katrin Hillgruber

Sofies Welt, Veronas Welt oder Zlatkos Welt? Defokussierung oder Umfokussierung? Realität oder Wirklichkeit? Irgendwie schmeckten beim diesjährigen "Tunnel über der Spree" im Literarischen Colloquium viele Fragestellungen nach Zwieback, wie nicht nur Jens Sparschuh befand. Es bröselte ungeheuerlich. Zum zehnten Jubiläum des Tunnels neuer Zeitrechnung - das Schriftstellertreffen geht auf Theodor Fontanes gleichnamigen Gesprächskreis zurück - hatten Katja Lange-Müller und Leander Scholz mehr als dreißig Kollegen eingeladen. Erörtert wurde die "realistische Lust am Erzählen" als sich verstärkende Position der deutschsprachigen Literatur - eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, die in letzter Zeit reife Früchte wie Ulrich Peltzers Roman "Alle oder keiner" trug. Es wurde eine deutliche Verjüngung angestrebt: Debütanten wie Nadja Einzmann, David Wagner, Thorsten Krämer oder Maike Wetzel stießen auf erfahrene - in der Mehrzahl männliche - "Tunnel"-Rhetoriker wie Burkhard Spinnen, Thomas Hettche oder Norbert Niemann.

Man kannte sich untereinander kaum. Wenn doch, dann wurde jede Kritik an der Arbeit des anderen vermieden, etwa bei einer Diskussion über die Möglichkeiten eines neuen Angestelltenromans, fern der Bakelittelefone und Ärmelschoner von Siegfried Kracauers "Die Angestellten" von 1929. Georg M. Oswald hat mit dem Roman "Alles was zählt" einen Versuch in dieser Tradition der Neuen Sachlichkeit gemacht. Die Detailfrage, ob er gelungen ist, blieb offen.

Dafür hegelte es gewaltig und wurde Kant immer wieder auf die Metaebene gezerrt - man redete in dreiminütigen Statements aneinander vorbei, aber das zitatstrotzend und auf Schwindel erregendem Niveau. Georg Klein, einer von sechs eingeladenen Ingeborg-Bachmann-Preisträgern und aktueller Titelinhaber, fühlte sich an Theorie-Waschmaschinen erinnert: Ohne von der Nachbarmaschine Notiz zu nehmen, spult jede für sich ihr Schleuderprogramm ab. In den Kaffeepausen kam mehr oder weniger gedämpfter Unmut auf.

"Das beste Modell für eine Katze ist eine Katze. Möglichst die gleiche Katze" zitierte Jochen Schmidt (sein Debüt heißt "Triumphgemüse") Oswald Wiener in einem höchst amüsanten Beitrag, der sich schon im Titel als Hommage an den schwergeprüften Christoph Daum zu erkennen gab: "Die Wahrheit liegt auf dem Platz." Burkhard Spinnen fasste seinen Realismusbegriff in einem Zehn-Punkte-Programm zusammen, wobei er das Schwerste leicht aussprach: "Um den Tonfall zu treffen, muss ich ihn erfinden."

Adorno und Lukács, der Sozialistische Realismus als Geißel, unter der Generationen von Germanistikstudenten in der DDR zu leiden hatten, wie Annett Gröschner schilderte, mit all diesen Gespenstern will die ideologieferne und theorieentwöhnte jüngste Autorengeneration augenscheinlich nichts mehr zu tun haben. Dabei ermüdet nichts schneller als die neue Beliebigkeit, langweilt nichts mehr als die unbedingte Subjektivität. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen - Sibylle Lewitscharoff nahm den Begriff "Medium" wörtlich und reichte ein Standardwerk über Spiritismus herum. Es enthielt so manche bittere, auf das Schreiben übertragbare Wahrheit wie: "Der Schöpfungsakt und das rasche Verschwinden desselben" - Kommentar von Katja Lange-Müller, gewohnt lakonisch: "Die Toten werden auch immer mehr."

Fragen wie die, ob Realismus überhaupt positiv bestimmt werden kann, ob nicht fingierter Realismus der einzig künstlerisch angemessene ist und ob hier nicht wieder eine komponierte Ungenauigkeit droht - all das ließe sich im kleineren Rahmen weiter beraten. So mag der zehnte Tunnel immerhin die berühmten "Denkanstöße" geliefert und manchem einsam wirkenden Literaten das Bennsche Gefühl vermittelt haben: "Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot." Das ist ein bisschen wenig. Selten lagen spiritische Sitzung und Realsatire so dicht beieinander.

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