Kultur : Tunnelblick

„New York Underground“: ein neuer Bildband führt in die Tiefe

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Der Untergrund gilt von jeher als Spiegelbild der überirdischen Welt, als Nachtseite und Negativ des Sichtbaren. Dies gilt nicht nur für die Kunst und die Mythologie vergangener Epochen, sondern auch für die Gegenwart. Selbst die Großstadt, das radikale und reelle Sinnbild der Moderne, hinterlässt ihren Negativabdruck in der Tiefe. Das im Ch. Links-Verlag erschienene Buch „Berliner Unterwelten" der Arnold-Brüder erhellte diese verborgene Welt der Schächte, Tunnel, Bunker und Gewölbe, in der es sogar Tropfsteine und Seen zu finden gibt, andere Bücher beschäftigten sich mit Wien und Paris. „New York Underground. Anatomie einer Stadt" heißt ein neu erschienenes Buch von Julia Solis, das die Untiefen der Mutter aller modernen Städte auslotet.

Die Autorin und passionierte Tiefenforscherin ist in Schächte eingefahren, durch Kanäle und Aquädukte gerobbt und hat die unterirdischen Flüsse ihrer Heimatstadt mit dem Schlauchboot befahren. Diese Reisen im Dunklen führten sie weit hinab. Denn die Stadt, die so hoch hinaus will, ragt an manchen Stellen ebenso weit in die Tiefe wie in den Himmel. Zwischen Fundamenten und Brückenpfeilern öffneten sich der Großstadtarchäologin wahre Abgründe, die oftmals ein überraschendes, geheimnisvoll erscheinendes Eigenleben beherbergen. Alte und neue Fresken überziehen als Graffiti die rissigen Wände der Gewölbe, und immer wieder brachten Menschen, Arbeiter, Abenteurer und Obdachlose, ihre Zeichen im Schutze der dunklen Gegenwelten an.

Deren Entstehung verfolgt die Autorin durch die Jahrhunderte zurück. Die wechselnden Gründerjahre spiegeln sich dort ebenso wieder wie die katastrophischen Einschnitte der Feuersbrünste und Tunnelunglücke. Versteckte Weinkeller künden von der Prohibition, und immer wieder finden sich archäologische Überreste der amerikanischen Geschichte. So fand man sogar ganze Schiffsrümpfe aus Zeiten der Pilgerväter. Ein Kapitel widmet sich der Geschichte des World Trade Center. Sieben Stockwerke tief ragte das Gebäude in den Boden von Manhattan hinein. In seinen Untergeschossen barg es Tresorräume für Verschlusswaren, wie die Waffendepots der CIA und die Beweismittellager der Zollbehörde. Der Fall der Twin Towers gilt der Tiefenforscherin als einschneidende Erschütterung und Veränderung des Untergrundes.

Die Geschichte dieser verborgenen Welt ragt somit bis in die unmittelbare Gegenwart hinein. Julia Solis schneidet die Stadt auf wie den sprichwörtlichen „großen Apfel": Die von ihr bloßgelegten Lineaturen der Kanäle, Versorgungsschächte und Gänge bilden ein fein verästeltes Netz durch Zeit und Raum. Ist es einmal sichtbar gemacht, kann man es lesen wie eine geheime Signatur der Moderne. Bodo Mrozek

Julia Solis: New York Underground – Anatomie einer Stadt. Berlin: Ch. Links Verlag 2002. 190 Seiten, 34,80 Euro.

Buchpräsentation mit Lesung, Ausstellung und Film heute um 19.30 Uhr im Neuen U-Bahnhof (U3) unter dem Potsdamer Platz (Eingang über die »Blue Box« auf dem Leipziger Platz) Eintritt: 8 € / ermäßigt 6 €. Karten unter Tel. 030/44 02 32 10 oder an der Abendkasse.

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