Kultur : Turban und Basecap

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Weiße Schleier, schwarze Zylinder? Bei den „Heiratsklängen“ trägt sie nur das Personal am Einlass. Das mobile Standesamt, ein weißes Zelt mit rotem Teppich, bleibt geschlossen. Welche Hochzeit soll gefeiert werden? Das Publikum steht lustlos rum, Bierbecher in einer Hand, Zigarette in der anderen. Wenig Volk ist gekommen, das fällt auf. Anders als bei den vorherigen „Heimatklängen". Schon von weitem hörte man laute Musik, um das kleine, luftige Zelt herum lebte ein freundliches, buntes Chaos. Jetzt steht das neue Tempodrom wie erstarrt neben den Zypressenreihen am Anhalter Bahnhof. Das Betonzelt ist riesig, aber es fehlt das junge Publikum. Womöglich ist es vom 10-Euro-Eintrittspreis verprellt. Draußen, auf dem „Ja-Markt“, herrscht Stille. Stände mit ethnischem Klimbim, Infos von amnesty international, Caipirinha-Ausschank oder Eheringen lassen keine Stimmung aufkommen. Drinnen, in der kleinen Betonarena, schlagen ehemalige Mitglieder des äthiopischen Staatszirkus ihre Flickflacks zu Trommelwirbeln. Fast unbemerkt zieht daran eine Braut vorbei. Auf ihrer meterlangen Schleppe hat sich bereits der Unrat des Alltags angesammelt. Die Braut wird übers Areal gejagt, von einer paramilitärischen Eingreiftruppe erlegt und schließlich zu Grabe getragen. Spontanes Straßentheater aus Frankreich. Hübscher Einfall, aber wozu die mühevolle Inszenierung, wenn doch niemand ans Heiraten denkt? Erst das Konzert bringt etwas Bewegung in die Pseudo-Hochzeitsgesellschaft. Die britisch-indische Band Achanak zelebriert Bhangra-Pop zwischen Turban und Basecap: rasant, hypnotisch, perkussiv. „We are doing fiiine!!“, jubelt der Sänger. Wirklich getraut aber hat sich an diesem Abend keiner (noch einmal Sonntag ab 19 Uhr). Roman Rhode

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