Kultur : Turbinen statt Gärten

In New York wurde der endgültige Entwurf für den Freedom Tower enthüllt. Von Daniel Libeskinds kühner Vision für Ground Zero ist nicht mehr viel übrig

Matthias B. Krause

Zugegeben: Der Turm wird mit seiner symbolträchtigen Höhe von 1776 Feet (541 Metern) der höchste der Welt sein. 1776 war das Jahr der Unabhängigkeitserklärung. Der Turm wird außerdem eine Antenne haben, die in den Himmel ragt wie die Fackel der Freiheitsstatue. Und er wird am Ground Zero in New York stehen. Aber sonst hat der endgültige Entwurf des Freedom Tower, wie er am Freitag vorgestellt wurde, nur noch wenig mit Daniel Libeskinds Vision für eine Neubebauung von Ground Zero zu tun.

Vor gut einem Jahr hatte der Stararchitekt den Wettbewerb um den Wiederaufbau jenes Stadtraumes gewann, an dem einst die Türme des World Trade Center standen. Wo Libeskind einen eleganten, schmalen Turm plante, der sich an einen kantigen Bürokomplex anlehnt, wird nun eine wuchtige Konstruktion entstehen, die sich spiralförmig nach oben windet. Und wo nach seiner Vorstellung in luftiger Höhe oberhalb des 70. Stockwerks hängende Gärten Platz fanden, werden nun anstelle einer grünen Oase frei hängende Turbinen im Wind dröhnen. Sie sollen 20 Prozent der Büros mit Strom zu versorgen. Larry Silverstein, Pächter des Geländes und Hauptgeldgeber für den Wiederaufbau, ist zufrieden: „Was wir heute sehen, ist in meinen Augen wunderschön. Es ist spektakulär. Und es ist auch sehr praktisch.“

Monate lang hatte sich der Streit zwischen Libeskind und dem von Silverstein beauftragten Architektenteam unter David Childs hingezogen. Die Berichte über den Streit wurden immer dramatischer; angeblich kam Libeskind am Ende nur noch in Begleitung seines Anwalts zu den Treffen mit Childs. Als die Deadline, die George Pataki, Gouverneur des Staates New York gesetzt hatte, zu verstreichen drohte, griff Pataki persönlich ein. In Einzelgesprächen mit den Architekten handelte er jenen Kompromiss aus, der nun präsentiert wurde. Childs hätte den Turm zum Beispiel gerne noch höher gebaut. Und Libeskind befürchtete, damit würde sein Design für den gesamten Platz kompromittiert.

Auf der Pressekonferenz in New York versuchten alle Parteien, ihr Gesicht zu wahren. Pataki lobte den Freedom Tower als kraftvolles Zeichen dafür, „dass Freiheit immer über den Terror triumphieren wird“. Childs beschrieb seinen Plan als eine „simple und reine Form, eine erinnerungswürdige Form, die die Beständigkeit und den Geist unserer Demokratie zeigt“. Während Silversteins Architekt den Entwurf in aller Ausführlichkeit vorstellte, blieb für Libeskind nur die Erläuterung der dahinterstehenden Idee: „Der Turm soll der Welt ein Stück Licht und Hoffnung geben.“ Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 1,5 Milliarden Dollar.

Pataki drängt nun darauf, dass der Grundstein im August 2004 gelegt wird – wenn der Kongress der Republikaner die Wiederwahl von Präsident George W. Bush in New York vorbereitet. Ungeachtet dieser Eile wird derweil die Kritik am Verfahren immer lauter. So beschwerte sich der New Yorker Architekt Rafael Vinoly – er hatte beim Wettbewerb den zweiten Platz hinter Libeskind belegt – in der „New York Times“ kürzlich über die politische Einflussnahme und den Zeitdruck, unter dem der für Manhattan so bedeutende Wiederaufbauprozess stehe. Außerdem sei die Öffentlichkeit darüber getäuscht worden, dass der Gewinner des Wettbewerbs keineswegs die Gebäude entwerfen werde, sondern nur die Aufgabe habe, den Masterplan zu überwachen.

Daniel Libeskind hatte sich das offensichtlich auch anders vorgestellt. Während er hinter den Kulissen den Machtkampf mit Childs ausfocht, äußerte er sich in der Öffentlichkeit jedoch nur gelegentlich kritisch zu dem, was er als „Zwangsehe“ betrachtet. Zwar war er mit einem großen Mitarbeiterstab nach New York umgezogen. Aber sein Mitspracherecht beim Entwurf des Freedom Towers beschränkte sich am Ende auf gelegentliche Konsultationen mit Childs und Silverstein. Und nun sitzen nur noch eine Handvoll seiner Architekten im Büro von David Childs, um die Entwürfe von dessen Mitarbeitern zu begutachten.

Wie die New Yorker selbst den überarbeiteten Entwurf wohl aufnehmen werden? Der allererste Anlauf für die Wiederbebauung von Ground Zero im Sommer 2002 hatte noch einen Sturm der Entrüstung über die plumpen Pläne und die Kommerzialisierung jenes Ortes entfacht, der für viele ein nationales Mahnmal darstellt. Erst nach diesen Bürgerprotesten war jener Wettbewerb initiiert worden, aus dem Libeskind als Sieger hervorging. Vor diesem Hintergrund wirken Childs’ Pläne wie ein halber Schritt zurück in Richtung Kommerz und Zweckdesign. Zumindest gibt es jetzt keine Spekulationen mehr darüber, wer hier das Sagen hat.

Als Daniel Libeskind nach seiner kurzen Rede am Freitag vom Podium stieg, kam Silverstein ihm entgegen. Für den Bruchteil einer Sekunde standen sich die Männer gegenüber. Dann umarmte der lange Silverstein den kleinen Libeskind und drückte ihn, dass man Angst um den Architekten haben musste. Der stand nur stocksteif da und starrte ins Leere.

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