Kultur : Turnübungen

Frank Peter Jäger

In einem dicht bebauten Quartier wie dem Prenzlauer Berg mangelte es bislang an Gelegenheiten, sich sportlich auszutoben. Der Schulsport war von Engpässen geprägt: Die wenigen vorhanden Sporthallen sind zu klein und überdies marode. Der Bezirk gab in den neunziger Jahre zwei neue Hallen in Auftrag. Ungeduldig wurden sie von den Schulen in Besitz genommen, kaum dass das letzte Parkettriemchen verlegt war.

Klaus Theo Brenner, der sich als einer der konsequentesten Vertreter rationalistischen Bauens versteht, erweiterte das Heinrich-Schliemann-Gymnasium in der Dunckerstraße um eine Sporthalle sowie einen Trakt mit naturwissenschaftlichen Unterrichtsräumen. Die 1913 vom Stadtbaurat Ludwig Hoffmann erbaute Schule ist eine wuchtige Ziegelburg wilhelminischer Prägung.

Streng und hermetisch gibt sich auch Brenners Ergänzung, die an die Rückseite des Altbaus andockt und dem Ensemble eine zweite Schauseite gibt. Schon von weitem fällt die parallel zur Straße erbaute Halle ins Auge: Sie hat die Form eines monumentalen Quaders mit glatter, vollkommen geschlossener Oberfläche aus Klinkern.

Hinter der Fassade befinden sich in zwei Etagen die Sporthallen, die innen ganz von Sichtbeton bestimmt ist. Ihre Längseite besteht aus einem Riesenfenster, das fast die volle, straßenseitige Wand ausfüllt. Die Scheiben bestehen aus mattiertem Glas. Bei Dunkelheit beleuchten großflächige, milchigweiße Lichtbänder die Straße. Nur im Material korrespondiert das Neue mit dem Altbau. "Prinzip Kiste" nennt Brenner nüchtern sein Entwurfskonzept. Damit löst er das ästhetische Risiko, das in jeder Sporthalle steckt - dass am Ende nur ein Schuhkarton herauskommt - nicht durch gliedernde Elemente, sondern durch ästhetische Überhöhung der sperrigen Großform.

Die Berliner Variante des Neo-Rationalismus, so der Architekturtheoretiker Jürgen Pahl, zeichnet sich durch "vorsätzliche Gestaltlosigkeit" aus. Treffender kann man das Gebäude nicht charakterisieren. Er sehe seine Bauten, philosophiert Klaus Theo Brenner, nicht in erster Linie als autarke Objekte, sondern als Rahmen für die Lebensäußerungen und für die Bilder des Ortes: Ludwig Hoffmanns gotisierende Klinkerfassaden, die über das Spielfeld der Halle tobenden Schüler in ihren bunten Trikots, oder der alte Baum, der nun von den beiden neu entstandenen Baukörpern umfangen wird.

Doch ist zu fragen, ob sich Architekten darauf beschränken sollten, neutrale Hintergründe in Gestalt von Proportionenrohlinge in den Stadtraum zu stellen; zumal im doch recht eintönigen Berliner Norden. Der Architekt verweigert dem Betrachter jegliche plastische Akzentuierung. Das gilt erst recht für den Ergänzungstrakt der Schule, der mit seinen gleichförmig gereihten, übergangslos in die Fassade geschnittenen Fenstern den Raum zwischen der Halle und der alten Schule ausfüllt. Hier geht Minimalismus in Gestaltlosigkeit über. Das ist schade, denn im Inneren der Halle ging das Konzept der minimalistischer Raumschale auf, die Hierarchie der Pfeiler, Unterzüge und Fenstersprossen gliedert den Kubus kristallklar, die Raumgestalt ist reizvoll aus der Konstruktion abgeleitet.

Weg vom Bunker-Look

Ingrid Hentschel, Mitinhaberin des Büros Hentschel und Oestreich, stand in der Sredzkistraße hinter der Kulturbrauerei vor einer ähnlichen Aufgabe: Zwei Sporthallen waren in einer Baulücke unterzubringen. Auch Hentschel stapelte die Hallen übereinander, um die knappen Freifläche des Schulhofs zu schonen, und kleidete sie in Ziegel in der Tradition des Berliner öffentlichen Bauens. Doch ihr Gebäude ist kein Solitär. Vielmehr wird die Balance zwischen Eigenständigkeit und Integration gesucht. Wo es das Gebäude an die benachbarten Mietshäuser anschließt, setzt sich deren symmetrische Lochfassade im Neubau fort. Das Denkmalamt wollte es so.

Eine tief eingeschnittene Raumfuge, vor allem aber ihr Kleid aus hellgrauen Faserzementplatten setzt sodann aber den Kubus der eigentlichen Halle - der hier mit der Stirnseite zur Straße steht - prägnant von den dienenden Nebenräumen ab. Bei tief stehender Sonne reflektiert die Oberfläche aus Eternitplatten das Licht so glanzvoll, als sei sie aus Bronze. Das feine Fugennetz der Platten setzt die intensive Struktur der rot-violett leuchtenden Klinkern fort. Das Fugenraster ist Teil der Konstruktion und zugleich ein geschickt eingefügtes Dekor.

Hin zur Behaglichkeit

All das ist überzeugend und schön anzuschauen, doch das eigentliche Aha-Erlebnis kommt beim Betreten der Halle. Sie ist ein in ihrer Klarheit überwältigender Raum - eine Wirkung, die die Architektin ganz ohne den Purismus blitzblanker Betongerippe erzielte. Die Halle wirkt mit ihren hell getünchten Wänden und dem warmen Holzton der als Prallschutz angebrachten Buchenpaneele durchaus behaglich. Bemerkenswert - denn nach den Vorstellungen der Senatsschulverwaltung und der Berliner Sportverbände ist die ideale Sporthalle "ein Bunker mit Neonröhren", wie Hentschel zusammenfasst. Nicht ein Sonnenstrahl soll die Mannschaften blenden können.

Ist schon das Raumerlebnis der untere Halle beeindruckend, so ist es in der darüberliegenden einfach großartig. Das liegt vor allem an der hölzernen Deckenkonstruktion der Halle: in traditioneller Stapelrostverbindung ineinander geschobene Balken. Sie beschirmt die Halle mit einem Quadratraster, dessen Plastizität durch das von oben eindringende Licht ideal zur Geltung kommt. Die dicken Lärchenbalken leuchten honigfarben. Die Heizkörper versteckte die Architektin unter einer Metallverblendung, die als schwarzes Fries die ganze Halle umläuft - eines von vielen hervorragend gelösten Detailproblemen.

Der Unterschied zwischen der Raumschöpfung, zu der Klaus Theo Brenner fand, und jener von Ingrid Hentschel hat viel mit der Frage zu tun, wie "schön" - im Sinne freundlicher Gestalt - Architektur heute sein darf. Die Ästhetik der Brennerschen Halle ist eine vergeistigte. Sie erschließt sich nicht unmittelbar. Die Schönheit des von Ingrid Hentschel geschaffenen Gebäudes kommt aus dem ausgeklügelten Arrangement von Materialien, konstruktiver Eleganz und Licht. Diese Architektur wirkt eingängiger, und das ist im "steinernen Berlin" gewiss kein Makel.

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