Tusch Festival 2008 : Der Freiheit eine Klasse

Berlin als Modellfall: Wenn die Kunst in die Schule kommt. Ein Plädoyer für kulturelle Bildung.

André Schmitz
Tusch Festival
Tusch Festival 2008 -Foto: Gianmarco

Sprechen wir von Bildung und vergessen für einen Moment Pisa und all die damit verbundenen Zurüstungen des Wissens. Vergessen wir auch die engagierten Sozialpädagogen, die immer schon gewusst haben, wozu Bildung gut ist. Vergessen wir Lehrpläne, den Arbeitsmarkt und den Untergang des Abendlandes, der angeblich bevorsteht, wenn die Deutschen nicht ein Volk von Ingenieuren werden.

Denken wir stattdessen einen Moment darüber nach, was Bildung eigentlich ist, nämlich die anspruchsvollste und komplexeste Verrichtung, die Menschen möglich ist, eine hochsensible Operation an Geist und Seele. Und, wo sie gelingt, das größte Wunder des Menschseins. Ja, Bildung ist ein Wunder. Und deshalb immer auch ein bisschen unberechenbar. Natürlich müssen Kinder rechnen und schreiben lernen, sollten Algebra pauken und den "Faust“ gelesen haben, so wie es an unseren Schulen geschieht. Gebildet sind sie dann noch lange nicht. Aber oft haben sie dann jede Lust auf Bildung verloren.

Denn Bildung ist nicht aus Papier. Bildung ist ein Erlebnis, das Geist, Sinne und Seele gleichermaßen erfasst und formt. Nur wer diese Urgewalt je erfahren hat, kann für sich in Anspruch nehmen, gebildet zu sein.

Im 18. Jahrhundert reisten Bildungshungrige nach Italien. Dort entdeckten sie in antiken Ruinen, prall gefüllten Kunstsammlungen und duftenden Zitronenhainen einen neuen Kontinent – "die sinnlich-geistige Überzeugung, dass hier das Große war, ist und sein wird“, wie Goethe schrieb. Wovon der Dichter schwärmte, das will sich aktuellen Schülergenerationen nur schwer erschließen. Denn in Zeiten von Lehrplanoptimierung und Turboabitur ist an Schulen kaum noch Platz für echte Bildungserlebnisse.

Ehrgeiz und Leidenschaft bereichern das Bewusstsein

Es gibt sie aber noch. Und wirklich jeder junge Mensch, unabhängig von Herkunft oder Schulleistung, ist offen für dieses Erlebnis. Wer den Film "Rhythm is it!“ gesehen hat, das Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker mit Berliner Jugendlichen, der weiß, was ich meine. Am Anfang stehen den Kids Mutlosigkeit und Selbstzweifel ins Gesicht geschrieben. Sie werden gefordert wie vielleicht nie zuvor in ihrem Leben. Dann erwachen Ehrgeiz und Leidenschaft. Sie werden sich ihrer Stärken bewusst und wachsen über sich hinaus, werden Individuen von ergreifender Größe – das ist das Wunder!

Das kulturelle Flagschiff Berliner Philharmoniker arbeitet mit Jugendlichen aus Problemkiezen zusammen: Das klingt wie ein Märchen, ist aber keins, sondern ein herausragendes Beispiel für die pädagogische Arbeit vieler Berliner Kultureinrichtungen. Nahezu alle Museen, Bühnen und Orchestervereinigungen in Berlin verfügen über Angebote für Jugendliche. Doch müssen die Jugendlichen dafür schon selbst zur Kultur kommen. So bleiben solche Bildungserlebnisse zu oft vor allem jungen Leuten aus kulturaffinen Familien vorbehalten. Sofern sich die Kultur einen Platz zwischen Hausaufgaben, Gameboy und Fußballtraining erobern kann.

Berlin investiert in die junge Kultur 3,5 Millionen Euro

Seit kurzem beschreitet Berlin neue Wege: Kunst und Kultur kommen zu den Jugendlichen. Opern und Theater, Museen und Bibliotheken vernetzen sich mit Kitas, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. So sollen feste und dauerhafte Patenschaften zu beiderseitigem Nutzen entstehen. Was beide Seiten daraus machen, liegt allein in ihrer Hand. Es gibt keine Vorgaben seitens der Politik. Die Initiative ging vom Rat für die Künste aus, einer Vereinigung von rund 250 Berliner Kulturinstitutionen. Der Berliner Senat hat diese Initiative aufgegriffen und bei der Berliner Kulturprojekte GmbH eine zentrale Vermittlungsstelle eingerichtet, die als Scharnier zwischen Kultur, Schulen, Kitas oder Jugendeinrichtungen fungiert.

Für gemeinsam entwickelte Projekte stehen in diesem und im kommenden Jahr 3,5 Millionen Euro in einem neu geschaffenen Fonds zur Verfügung. Vor wenigen Tagen haben Jury und Beirat dieses Projektfonds Kulturelle Bildung Gelder für die ersten knapp 40 Projekte vergeben. Ein Viertel aller Berliner Schulen hat sich bereits in der ersten Runde beworben, dazu zahlreiche Jugendeinrichtungen. Wäre es nach den Anträgen gegangen, hätten wir das Vierfache ausgeben können. Das zeigt, wie fruchtbar der Boden ist, auf den diese Idee fällt – ganz besonders in jenen Stadträumen, die häufig mit dem Wort "Problem“ in Verbindung gesetzt werden.

Könnenlernen durch Kultur

Was Bühnen und Museen in die Schulen treibt, liegt auf der Hand: die Sorge um das künftige Publikum, das gerade in der Einwanderungsstadt Berlin nicht selbstverständlich in den bildungsbürgerlichen Biotopen nachwächst. Das Publikum von morgen ist geprägt von hoch spannenden interkulturellen Lebenswelten, die für die Kunst überaus inspirierend sein können – sofern sie einen Zugang zu diesen Erfahrungen herzustellen vermag.

Vor allem aber erhält die kulturelle Bildung einen festen Platz an Berliner Schulen. Da entsteht kein neues Lernfach, sondern ein Erlebnis- und Gestaltungsspielraum, der weit über das Schulgelände hinausreicht. Ein Angebot, eine Verführung, die Kids an ihren Orten abzuholen.

Was bringen die Patenschaften den Jugendlichen? Keine pädagogisch geebneten Zugänge zur Kultur. Sondern alle Zumutungen der Kultur. Dazu zählt die Erfahrung der enormen Anstrengungen und Entbehrungen, die jeder künstlerische Prozess mit sich bringt. Aber auch die große Erfüllung, die erfährt, wer sich mit Haut und Haaren der Kunst verschreibt. Und das ganze Drumherum: Kunst wird gemacht, Kunst ist ein komplexer Arbeitsprozess.

Es kommt auf das eigene Urteilsvermögen an

Deshalb soll das Berliner Modell kultureller Bildung auch nicht jeden Rütli-Schüler zum Künstler machen. Es wäre schon viel erreicht, wenn sich etwa Hauptschülern ganz andere, nämlich ermutigende Erfahrungen eröffneten als die tagtägliche erlebte Ohnmacht und Perspektivlosigkeit. Bildung in diesem Sinne heißt Persönlichkeitsbildung. Denn was immer das Erleben didaktisch unvermittelter Kunst neben Verstörungen und Einsichten sonst noch auslöst: Es wirft Jugendliche auf ihr eigenes Urteilsvermögen zurück, es zwingt sie, sich selbst zu positionieren, es ermächtigt sie zur Teilhabe an ästhetischen Diskursen, die es in ihrer Komplexität und Verdichtung allemal mit dem wahren Leben aufnehmen können. In diesem Sinne ist die Teilhabe an Kultur eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Politik – "weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert“, wie Schiller vor mehr als 200 Jahren feststellte.

Der emanzipatorische Zug kultureller Bildung ist heute unvermindert aktuell, da konfektionierte Bildwelten der Medienindustrie das eigene Erleben immer mehr konditionieren. Und wer sagt denn, dass die Bewohner der Pisa-Problemzonen nicht die Könige im Reich kultureller Bildung werden können? Gerade junge Migranten verfügen oft über stupende kulturelle Adaptionsfähigkeiten. Da liegt eine große Kompetenz brach, für die die Schulen häufig noch nicht das richtige Angebot haben.

Die Vernetzung von Kultureinrichtungen und Schulen wie in Berlin eröffnet jedenfalls ganz andere Perspektiven als das nordrhein-westfälische Programm "Jedem Kind ein Instrument“. So lobenswert es ist, Grundschüler das Musizieren zu lehren, so orientiert sich diese Initiative doch zu eng an bildungsbürgerlichen Wertvorstellungen und bleibt auf die Schule und schulisches Lernen beschränkt. Dagegen ist das Berliner Modell kultureller Bildung für alle Beteiligten ein großes Abenteuer. Und das ist wahrlich nicht die schlechteste Voraussetzung für echte Bildungserlebnisse.

Der Autor ist Staatssekretär für Kultur in Berlin.


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