Kultur : Tusch für Terry

Werner Herzog, Philip Gröning und die Grimms: die Deutschen beim FilmfestivalVenedig

Jan Schulz-Ojala

Hans und Greta verlaufen sich im Wald, das Girlie mit dem roten Cap ist weg, und Rapunzel geht’s auch schon ganz schlecht. Brothers Grimm, eure Mission! Will (Matt Damon) und Jake (Heath Ledger), zwei Hochstapler, die zur Zeit der napoleonischen Besetzung in deutschen Landen mit anderer Leute Aberglauben ihr Geld machen, müssen nun selber in die spukhafte Welt der Fettkäfer und Fangwurzeln – und die verschütt gegangenen Mädels befreien.

Ähnlichkeiten mit den Gebrüdern Grimm und dem deutschen Hausmärchenschatz? In Terry Gilliams „Brothers Grimm“ bleiben sie rein zufällig. Dafür rumst und zischt und knallt es ordentlich im Horror-Fantasy-Spektakel des MontyPython-Veteranen, dem hier das Kunststück gelingt, weder gruselig noch komisch zu sein. Dennoch haben die stets durchsetzungsfähigen Hollywood-Gebrüder Weinstein ihre zwei Jahre alte Produktion in den Wettbewerb am Lido gedrückt. Und damit Deutschland – als verstaubte Location mit Fachwerkstädtchen und Düsterdörfern, mit Hexenweiblein und Trunkenbolden. Thanks, Will and Jake! Tusch für Terry!

Deutschland hat, gelinde gesagt, einen originellen Auftritt in Venedig dieses Jahr. Weniger gelinde: einen absonderlichen. Werner Herzog zum Beispiel. Auch er mag’s laut, mit überwiegend sardischen Chören, die einem – zu bräsig sägenden Celli – schnurstracks in die Ohren sausen. Er stellt einen deutlich an den späten Kinski erinnernden Alien (Brad Dourif) vor eine irdische Schrotthalde und lässt ihn schwadronieren. Vom Ende seiner Andromeda-Galaxie und auch, leiderleider, vom Ende der Erde. Dazu montiert Herzog Bilder von Spaceshuttle-Astronauten, völlig schwerelos beim Essen, Zähneputzen und Laufband-Training in ihrer Raumkapsel. Doch als letztere, nach gnädigen 81 Filmminuten, von intergalaktischen Tauchgängen nebst Begegnungen mit vagabundierenden Riesenzitronen zurück sind, ist die Erde mal eben 820 Jahre älter geworden. Und unbewohnbar. Also: alles auf Anfang.

Raus ins Freie, rein ins Reale drängt es da den Kritiker – da mag Herzog, der „The Wild Blue Yonder“ in der Nebenreihe Orizzonti präsentiert, im Abspann der Nasa noch so sehr für deren „Sinn für Poesie“ danken. Denn er selber hat bloß, recht prosaisch, für sein mäßig fantasievolles „Science-Fiction-Fantasy“ manch bewegtes Bildmaterial, found footage, der US-Weltraumbehörde für einen Neben-Nebenfilm ausgeschlachtet. Oder, weitherziger  interpretiert: für eine arg lärmende Meditation über unseren gefährdeten Planeten.

Ganz anders meditiert Philip Gröning in „Die große Stille“ über das Leben von Kartäusermönchen in den französischen Alpen. Doch auch seinem 164 Minuten währenden Exerzitium, vorgestellt ebenfalls in der „Orizzonti“-Reihe, mögen nur wenige Zuschauer in ganzer Länge folgen. Zu sehr scheint der kommentar- und interviewfreie Dokumentarfilm geprägt von der Dankbarkeit, nach Jahrzehnten der Bittstellerei endlich in dem weltabgewandt geführten Kloster filmen zu dürfen, und das gleich monatelang; zu sehr bleibt folglich alles – wenn auch: schöne, beeindruckende – Oberfläche.

Der Tages- und Jahreslauf. Das ewige Licht. Andachten, Gebete, Gesänge. Glockenläuten oder das Ticken einer Uhr: Es ist eine belebte Seelenstille, die Gröning abzubilden sucht, mit starren Einstellungen, die mitunter an die Gemälde altniederländischer Meister erinnern – und das ganz ohne Filmteam. Ein Gast-Klosterbruder, allein mit seiner  Kamera. Wobei Gröning den Gesichtern der Mönche ihr Rätsel lässt: Nichts erfahren wir Weltliche darüber, was den einen ins Kloster trieb. Wie der andere welche Zweifel überwindet. Stattdessen: Andacht pur. „Die große Stille“ sei kein Film über ein Kloster, sondern selber eines, sagt Gröning. Das ist sein Reiz. Und sein Risiko.

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