Tutanchamun : Wo die Toten wohnen

Warum die ägyptische Revolution ein Desaster für die Antiken war: eine Reise zu Tutanchamun. Das Grab und die Schätze des Pharaos werden bald als Repliken in einer Berliner Ausstellung zu sehen sein.

Christian Schröder
Goldmaske des Pharaos Tutanchamun
Goldmaske des Pharaos TutanchamunFoto: Semmel Concerts GmbH

Der berühmteste Wortwechsel in der Geschichte der Archäologie fand in der Enge eines Grabungsschachtes statt, elf Meter tief im Kalkgestein des Tals der Könige bei Luxor. Howard Carter, ein britischer Ägyptologe und Abenteurer, hatte sich am 26. November 1922 bis an den vermauerten Eingang zur Vorkammer eines Grabs vorgearbeitet, das – so war auf einem Siegel zu lesen – dem Pharao Tutanchamun gehört hatte. Carter stieß ein kleines Loch in die Mauer, hielt eine Kerze hinein und lugte in die Öffnung. „Können Sie etwas sehen?“, fragte Lord Carnarvon, der hinter ihm stehende Finanzier der Grabung. Und Carter, überwältigt vom Goldglanz vor seinen Augen, antwortete: „Ja, wunderbare Dinge.“

Tutanchamun - Sein Grab und die Schätze
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01.03.2013 13:23Goldmaske des Pharaos Tutanchamun


Neunzig Jahre später wird der Besucher des Königsgrabs am Westufer des Nils von Neonlicht statt Kerzengeflacker empfangen, und das Erste, was er erblickt, ist eine weiße Felswand, die noch die erstaunlich frisch anmutenden Meißelspuren der Erbauer trägt. Um 1320 vor Christus war Tutanchamun hier beigesetzt worden, und bei der Wiederentdeckung 3300 Jahre später sollte seine Ruhestätte sensationellerweise noch nahezu ihren kompletten Schatz enthalten. Außer „KV 62“ – so die Bezeichnung für die 62. im „Valley of the Kings“ gefundene Gruft – sind alle altägyptischen Pharaonengräber ausgeplündert worden, oft bereits in der Antike.


Howard Carter beförderte insgesamt 5389 verschiedene Objekte ans Tageslicht, darunter Tutanchamuns Thron, mehrere zerlegte Streitwagen, ein in Golddraht gewickelter Rohrstock mit der Inschrift „Diesen Stab schnitt Seine Majestät mit eigener Hand“, ein Sträußchen aus Olivenblättern, Lotusblüten und Kornblumen, das vielleicht die Witwe in den Sarg gelegt hatte, sowie die berühmte Maske aus massivem Gold. Sie zeigt, wie der Kulturhistoriker Egon Friedell 1936 schwärmte, das „traurige und entrückte Antlitz des jungen Königs“, der im Alter von 18 oder 19 Jahren gestorben war. Heute befinden sich die Goldmaske und die anderen Stücke im Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz in Kairo.
Immerhin der Pharao selber ist in sein Grab zurückgekehrt, seine Mumie liegt seit ein paar Jahren wie Schneewittchen in einem Plexiglassarg. Tutanchamuns Körper ist mit einem Leinentuch umwickelt, aus dem nur der schwarz verschrumpelte Kopf und die Füße herausragen. Könnte der König seinen Kopf zur Seite wenden, dann würden sich seine leeren Augen auf den gegenüberliegenden Sarkophag aus rotem Quarzit richten, hinter dem Restauratoren damit beschäftigt sind, die prachtvollen Wandfresken von schwärzlichem Pilzbefall zu befreien.
Der Befall ist eine Folge der von den Besuchern mitgebrachten Luftfeuchtigkeit, die Restauratoren rücken ihm mit Tupfern und einer Art Staubsauger zu Leibe, dessen Röhren die stickige Luft erfüllt. Zum größten Teil sind die Malereien bereits gereinigt. Sie zeigen Tutanchamun im Dialog mit Osiris, dem grünlich-fahl dargestellten Gott des Jenseits. Auf dem letzten Bild umarmt der Pharao den Unsterblichen, eine Vereinigung, die ihn selbst zum Gott erhebt.

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