Kultur : Tutti Putti

Neues Spiel, neues Glück? Die theatrale Erotik-Show „Belle et Fou“

Jan Schulz-Ojala

Karl ist 57, seine Frau Claire von eher unbestimmbarem Alter, und kennen gelernt haben sie sich 1974 in Berlin. Sie kommen, per Mikroport dialogisch verstärkt, zu spät zur Vorstellung und beginnen gleich vernehmlich zu streiten. Keine Frage, sie sind schlechter verheiratet als Liv Ullmann und Erland Josephson in Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, und das will schon was heißen. Andererseits: Sie haben sich viel weniger zu sagen als jene beiden, eigentlich nur noch klotzplumpe Grobheiten, und das tun sie mit mäßiger Hingabe den lieben kurzen Abend lang. Wenn sie nicht gerade unterbrochen werden. Durch das Programm.

Verena Peter und Frank Otto Schenk, womöglich als Projektionsfiguren des mittelstädtischen Touristen-Zielpublikums gedacht, sind nicht das einzige Problem des soeben in der Spielbank am Potsdamer Platz eröffneten „Sinnestheaters“, wie Enten-Event-Koch Hans-Peter Wodarz seine neueste Kreation nennt. Wohl aber sein augen- und ohrenfälligstes. Zwischen „Komm schon, Brummbär!“ und „Wir Männer sind Jäger!“ verbreiten sie derart viel Ehemuff, dass den am Mittwoch versammelten hauptstädtischen Medienbegutachtern jederlei Geschlechts ganz und gar nicht frivol am Abend werden wollte. Nichts gegen Verena Peter und Frank Otto Schenk, die sich in manch zurückliegender Fernsehserie gereifte Verdienste erworben haben mögen; sehr wahrscheinlich aber geht auch nichts mit Verena Peter und Frank Otto Schenk, wenn denn das Millionenprojekt „Belle et Fou“ nicht gegen die Wand fahren soll.

Jetzt aber zur Hauptsache.

Zur gesamtkörperkunstwerklichen Verbindung aus „Hochkultur und Entertainment“ (so wirbt „Belle et Fou“ auf seiner Website). Oder auch: zum „Knistern auf höchstem Niveau“.

Zum Erotischen.

Hm.

Also: Die Zwanzigerjahre, die Impresario Wodarz mit seinem Etablissement wiederbeleben möchte, liegen lange zurück, und Zeitzeugen, die die Metropolennächte jenes Legenden-Jahrzehnts durchgetanzt haben, sind folglich rar geworden. Nur so viel: Es wird, zwischen allerlei kühl-kantigen Jalousien sowie auf zwei Mini-Drehbühnen nebst Laufbändern, durchaus etwas bewegt auf arg niedrigem Podest. Die Mädchen, den Männern an Zahl etwa mit Zweidrittelmehrheit überlegen, zeigen mitunter fast alles, die Männer überwiegend ihre gebändigt gebuildeten Oberkörper. Fast immer Ensemble sind sie, und sehr, sehr Oberfläche.

Natürlich muss man da die Gretelfrage stellen: Wie hältst du’s mit der Erotik? Wie mit Sex? Wo liegt die Grenze? Nirgends so sehr wie hier im Auge der Betrachterin und des Betrachters. Allgemeinungsforscherischer Sinneseindruck: In „Belle et Fou“ geht es ebenso wenig um Erotik wie um Sex. Ob schmalhüftig oder schwarzperückt: Sind bloß Schaufensterpuppen, die da tanzen.

Klar könnte man jetzt Zauber einfordern. Eine Choreografie, die ihren Namen auch verdient. Eine Lichtregie. Dynamische Wechsel. Schön Verruchtes oder zumindest schön Verrücktes, wie das selbstgewählte Motto es annonciert. Die Inszenierung von Fantasien. Oder die Wiedereroberung von industrialisiert zernutzten Bildmustern – Dominas, Lederkerle, laszive Girlie-Lolitas – für die Erotik. Irgendwas, das an das 21. Jahrhundert und an die doch einigermaßen ausgebuffte Stadt Berlin erinnert, über die Postkarten-Diashow hinaus. Hierfür aber müsste sich „Belle et Fou“, wie man so schön sagt, neu erfinden. Tja.

Na und dann beim Rausgehen der Typ, der vor sich hin brabbelt: „Sie stehen verstört am Potsdamer Platz und finden Berlin zu laut. Die Nacht glüht auf in Kilowatts. Ein Fräulein sagt heiser: ,Komm mit, mein Schatz!‘ Und zeigt entsetzlich viel Haut.“ Und schiebt dem ermatteten Berichterstatter seine Visitenkarte rüber. Kästner heißt er.

„Belle et Fou“, täglich, wechselnde Anfangszeiten,ab 69 Euro.

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