TV-Dokumentation : "Ich, Reich-Ranicki"

Mit einer Dokumentation setzt das ZDF dem Meister der deutschen Literaturkritik am Freitag ein TV-Denkmal.

Mainz - Die beiden Autoren Lutz Hachmeister und Gert Scobel haben für das 105 Minuten lange Porträt mit dem 86-jährigen Marcel Reich-Ranicki drei lange Interviews geführt, in Archiven gestöbert und seine polnische Heimat besucht. Herausgekommen ist eine gelungene Dokumentation, die am Freitag um 22:35 Uhr im ZDF gezeigt wird. Reich-Ranicki selbst hätte eine andere gedreht, wie er nach der Voraufführung des Films in Frankfurt am Main zum Ausdruck brachte. Der Film habe nicht erzählt, "was ich geleistet habe", sagte der Literaturkritiker nach der Vorführung. "Das ist Euer Recht, aber das ist mir alles so fremd."

Reich-Ranicki hatte den Streifen vier Wochen zuvor bereits einmal gesehen. "Da war er eigentlich zufrieden", sagte Co-Autor Scobel bei der Präsentation. Durchgegangen sei auch die letzte Szene, die von Reich-Ranicki später mit "Geht nicht" kommentiert wurde. In ihr sagt er den Schlusssatz des Films: "Alles, was ich getan habe, konnten andere auch tun."

Der Film erzählt nicht von den Dingen, die der Kritiker mit zu seinen wichtigsten Lebensleistungen zählt: die 24-bändige Lyriksammlung "Frankfurter Anthologie", der Kanon "Die deutsche Literatur" und seine Autobiografie "Mein Leben". Dafür zeigt er Einnehmendes, Berührendes aus Reich-Ranickis Vita, wie er gelebt hat als Kind, als Jugendlicher im Warschauer Getto, als junger Kritiker in Deutschland in den 60er Jahren, wie er von dem Tod seines Bruders Alexander erfuhr.

Auch sein Sohn Andrew, Mathematiker in Edinburgh, und Autor Dieter Wellershoff kommen in der Doku zu Wort. Sie sprechen kritisch und zärtlich - doch nie über Reich-Ranickis Leistungen. Günter Grass ist in der ZDF-Produktion ebenfalls zu hören und zu sehen, außerdem - neben anderen - Martin Walser, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, Frank Schirrmacher. Meistens aber redet Reich-Ranicki selbst, und wer ihn mag, könnte sagen: Mehr braucht es nicht für einen guten Film.

Reich-Ranickis Schlachten

Jedenfalls braucht er keinen Ton aus dem Off, auf den Hachmeister und Scobel konsequent verzichteten. Und damit auch darauf, alles Gesagte einzuordnen. Abgesehen von Ausschnitten aus den eigenen Interviews präsentieren die Autoren hauptsächlich Archivmaterial. Dabei schlägt die Doku noch einmal alle Schlachten, in die sich der Kritiker gestürzt hat. Alles, was er getan hat, konnten auch andere? Der Film erlaubt auch einen anderen Schluss. Diese Einschätzung genauso zuzulassen ist ein Verdienst. "Ich, Reich-Ranicki" ist eine Dokumentation, die seinen Leistungen wahrscheinlich nirgendwo gerecht wird. Und doch ein sehenswerter Film.

Reich-Ranicki gab sich schließlich in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" doch noch versöhnlich. "Ich bin überhaupt nicht enttäuscht vom Film über mein Leben, vielmehr bin ich sehr beeindruckt. Irritiert haben mich nur zwei Sequenzen." (Von Stefan Höhle, ddp)

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