Twilight over Berlin in Jerusalem : Die Neue Nationalgalerie zu Gast in Israel

Die Sammlungsgeschichte der Neuen Nationalgalerie ist von der politischen Geschichte Deutschlands nicht zu trennen, kommentiert der Generaldirektor der staatlichen Museen zu Berlin.

wei Frauen betrachten im Museum Berggruen in Berlin das dem Gemälde «Potsdamer Platz» von Ernst Ludwig Kirchner, ein Foto von 2013. Kirchners Meisterwerk ist zur Zeit mit 49 weiteren Werken der klassischen Moderne aus der Neuen Nationalgalerie im Israel Museum in Jerusalem zu sehen.
wei Frauen betrachten im Museum Berggruen in Berlin das dem Gemälde «Potsdamer Platz» von Ernst Ludwig Kirchner, ein Foto von...Foto: dpa

Vor einem halben Jahrhundert versammelten sich mehrere hundert Festgäste auf einer Anhöhe in Westjerusalem. Für Teddy Kollek, der als langjähriger Bürgermeister von Jerusalem in die Geschichte eingehen sollte, wurde ein Traum wahr: Am 11. Mai 1965 eröffnete er „sein“ Israel Museum, das bald zu einem der bedeutendsten Museen Vorderasiens avancierte. Der israelische Dokumentarfilm „Teddy’s Museum“ von 2012 hält die Zeremonie, erzählt die Entstehung und Entwicklung des Hauses.

Dass nun unter dem Titel „Twilight over Berlin“ 50 Meisterwerke aus der Neuen Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin in dem Museum zu Gast sind, ist einem doppelten Jubiläum zu verdanken: dem 50-jährigen Bestehen des Museums und dem 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel. Eine besondere Ausstellung also an einem besonderen Ort.

Die Sammlungsgeschichte der Neuen Nationalgalerie ist von der politischen Geschichte Deutschlands nicht zu trennen. Kaum ein Museum hat ähnlich viele Werke durch die Nationalsozialisten verloren: Mehr als 500 Werke wurden zwischen 1937 und 1945 beschlagnahmt oder verkauft oder gingen im Krieg verloren. Für den Wiederaufbau des Bestandes nach 1945 erwarb der Magistrat von Berlin zahlreiche Werke vor allem der Klassischen Moderne, also jener Kunst, die von den Nationalsozialisten besonders diffamiert worden war, für die „Galerie des 20. Jahrhunderts“. Es war die Aufgabe von Werner Haftmann, dem Gründungsdirektor der 1968 eröffneten Neuen Nationalgalerie, und seiner Nachfolger, die im Westteil der Stadt verbliebenen oder dorthin zurückgekehrten Gemälde aus dem Bestand mit der „Galerie des 20. Jahrhunderts“ zu vereinen und durch Neuerwerbungen zu bereichern.

Die Ausstellung ist eine große historische, moralische Verpflichtung

Das Vorhaben konnte erst nach der Wiedervereinigung vollendet werden, als die Bestände aller Häuser der Nationalgalerie zusammengeführt wurden. Seitdem gehören der Neuen Nationalgalerie zahlreiche Hauptwerke der klassischen Moderne und Malerei des Expressionismus, von Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Emil Nolde. Die politische Kunst eines Otto Dix und George Grosz sowie die Arbeiten Max Beckmanns vervollständigen das Bild dieser vielschichtigen frühen Moderne in Deutschland, einer Zeit politischer und sozialer Umbrüche.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Reise der Werke aus Expressionismus, Dada, Neuer Sachlichkeit und Bauhauskunst nach Israel zu sehen: Sie geschieht aus der tiefen Verflechtung in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts heraus – und aus einer großen Verpflichtung.

Für viele Besucher ist die Begegnung mit den Werken eine Begegnung mit ihren Wurzeln

Das Israel Museum, das sich unweit der Knesset über eine Fläche von fünf Hektar erstreckt, beherbergt auch eine exquisite europäische Kunstkollektion. Es ist bewegend, wie hier der kulturelle Kontext bewahrt wird, in dem Juden in der Mitte Europas lebten, bis sie von den Nazis diffamiert, vertrieben, verfolgt und ermordet wurden. Dies umso mehr, als zahlreiche Werke großzügigen Stiftungen aus Deutschland ausgewanderten jüdischen Bürgern zu verdanken sind.

Teddy Kollek, in Wien aufgewachsen und 1935 nach Palästina emigriert, hat immer wieder auf seine durch die Emigration abgeschnittenen Wurzeln verwiesen. Es ist sein Verdienst, das Israel Museum zu einem Ort entwickelt zu haben, der im übertragenen Sinne wie ein Mahnmal gegen die Schoah zu lesen ist. James Snyder, sein Nachfolger als Museumsdirektor, setzt dieses Werk bis heute fort.

Für viele Ausstellungsbesucher in Jerusalem ist die Begegnung mit Kunstwerken des deutschen Expressionismus und aus der Zeit der Weimarer Republik eine Begegnung mit ihren persönlichen und kulturellen Wurzeln. Die Werke markieren die Blütezeit der bildenden Künste aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zur NS-Verfolgung.

Unter den Objekten sind nicht nur Schlüsselwerke wie der „Potsdamer Platz“ (1914) von Ernst Ludwig Kirchner oder „Die Skatspieler“ (1920) von Otto Dix, sondern auch das Gemälde „Christus und die Sünderin“ (1926) von Emil Nolde. Als einem der Bilder, die 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München präsentiert und geschmäht wurden, kommt ihm beim Gastspiel in Israel herausragende Bedeutung zu.

Mit der von Udo Kittelmann initiierten Ausstellungstrilogie zur Kunst des 20. Jahrhunderts war intensive Provenienzforschung verbunden: Für die Ausstellung „Moderne Zeiten. Die Sammlung. 1900 – 1945“ wurde die Herkunft der Objekte im Hinblick auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut erforscht, insbesondere aus jüdischem Besitz. Mit einer großen Verneigung stellen wir sie jetzt in Israel aus, möchten zum Ausdruck bringen, dass wir unserer Geschichte verpflichtet sind und Verantwortung für Gegenwart und Zukunft übernehmen.

Michael Eissenhauer ist Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Ausstellung „Twilight over Berlin: Masterworks from the Nationalgalerie, 1905–1945“ ist bis 19. März im Israel Museum zu sehen.

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