Tyler, The Creator - Goblin : Die Vergangenheit des Hip-Hop

Verfolgt man die Presseartikel der vergangenen Jahre zum Thema Hip-Hop, kommt schnell der Eindruck auf, dass es nur noch darum geht, den Retter des Genres zu finden. Tyler, The Creator soll diese Rolle jetzt übernehmen.

Martin Väterlein
Spätpubertäre Fantasien. Tyler (Mitte), wie er auf seine "bitch" wartet.
Spätpubertäre Fantasien. Tyler (Mitte), wie er auf seine "bitch" wartet.Foto: XL Recordings

Der mehr oder minder absichtlich provozierte Skandal gehört zur populären Musik seit ihren Anfangstagen. Elvis, die Stones, Eminem, sie alle haben dieses Geschäft verstanden und wurden entsprechend prominent. Dagegen ist wenig zu sagen, zumal in diesen Fällen auch Talent mit im Spiel war. Explizite Aussagen zu Sex, Gewalt und Drogen sorgen immer wieder dafür, dass frischer Wind in den Popdiskurs geblasen wird.

Auch Tyler, The Creator, 20jähriges Mitglied der Skater- und Musikercrew Odd Future Wolf Gang Kill Them All aus Kalifornien, setzt auf die Provokationskarte. Mit seiner tiefen Barry-White-Gedächtnisstimme bringt er Texte zu Gehör, die vor Anzüglichkeiten nur so strotzen. Die entsprechenden Stichworte "Fuck", "Dick", "Pussy" und so weiter reihen sich in selten gehörter Frequenz aneinander. Abseits jeder Gender- oder political Correctness lässt Tyler spätpubertären Fantasien freien Lauf. Dazu gibt es Musik, die mit Hip-Hop-Klischees nicht mehr viel zu tun hat. Mächtig wummern Bässe, die von spärlichen Beats und ein paar Keyboardflächen begleitet werden.

"Fuck your traditions" postuliert Tyler und bezieht sich textlich doch auf fast manische Art auf die zweite Generation des Hip-Hop. Einzig die Verweise auf Statussymbole wie Autos und Klamotten fehlen. Man findet sich schlicht in einer schwanzgesteuerten Gedankenwelt eines Heranwachsenden aus schwierigen sozialen Verhältnissen wieder. Allenfalls einige krude weltanschauliche Andeutungen erweitern das Spektrum unwesentlich. Reicht es anno 2011, Frauen durchweg als "Bitch" zu bezeichnen, um als Erneuerer eines Genres ausgerufen zu werden?

Es mag Käufer geben, die einen solchen Ansatz lustig, provokant oder ehrlich finden, die aus diesen Texten ihre Abgrenzung gegen eine zu glatte Welt ableiten. Viel näher liegt allerdings die Vermutung, dass es sich hier um längst überwunden geglaubte Plattheiten handelt oder, um es noch klarer zu sagen, um Dummheit.

Natürlich gibt es viele große Stücke in der Musikgeschichte, die vor allem durch ihre Direktheit wirken. Auf "Goblin" stehen einer solchen Wirkung leider die verquasten Arrangements im Weg. Das auf Mid-Tempo setzende musikalische Gerüst ist eher dazu geeignet, gepflegte Langeweile aufkommen zu lassen, als einen wirklich vom Hocker zu reißen.

Man kann weiter auf den neuen Hip-Hop-Messias warten.

 Ebenfalls neu auf Vinyl:

 Ganze drei Stücke umfasst "Beileid", das neue Werk von Bohren und der Club of Gore. Wie gewohnt steht die völlige Entschleunigung der Musik im Mittelpunkt. Neu an "Beileid" ist, dass es einen Track mit Gesang gibt. Für ihre Premiere luden die Jungs aus Mülheim an der Ruhr Mike Patton ins Studio und nahmen mit ihm das längst vergessene Warlock-Stück "Catch my heart" auf. Langsam, aber gewaltig.

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