Kultur : Tyrann des Glücks

Mythos und Manie: Heute vor 25 Jahren wurde John Lennon ermordet

Kai Müller

Ein britisches Musikmagazin wollte vor kurzem wissen, wie beliebt John Lennon unter Jugendlichen ist. Es druckte ein Bild mit dem Konterfei des Sängers ab. 56 Prozent der befragten 16- bis 24-Jährigen konnten dem Foto keinen Namen zuordnen. Als ein Reporter des „Observer“ im New Yorker Central Park unweit des „Imagine“-Mahnmals, das die Stadt zu Ehren ihres berühmtesten Adoptivsohns errichten ließ, ein Mädchen auf John Lennon anspricht, fragt es zurück: „War das nicht der erste Popstar, der erschossen wurde?“

John Lennon ist ein Mythos. Ein Begriff ist er den Babyboomer-Generationen nicht mehr, die seit Anbruch der achtziger Jahre unter Pop vor allem künstliche Kommerzspektakel verstehen – für Massen, denen nach Ansicht von US-Schriftsteller Don DeLillo „die Zukunft gehört“, weil es sie in Wirklichkeit gar nicht mehr gibt, nur noch als eruptive Ballungen eines virtuellen Verführungstheaters. In der Welt von MTV und CNN repräsentiert ein Menschenschwarm, wie er heute vor 25 Jahren vor John Lennons Wohnhaus voller Trauer um die Ermordung eines Idols zusammenfand, die psychische Verfassung des Ganzen, eines globalisierten Weltganzen. DeLillo zufolge steckt in dieser Hybris der Keim für eine Gewalt, die kein anderes Ziel hat, als zu beweisen, dass sie wirklich existiert.

Mit John Lennon traf diese Gewalt den Sänger von „Give Peace A Chance“ und „Power To The People“, der mit seiner Musenfrau Yoko Ono sieben Tage im Bett verbrachte, um für den Weltfrieden zu demonstrieren. Ein Missionar der Friedfertigkeit, der sich für Jesus hielt und seine eigenen Dämonen nie in den Griff bekam. Der mit den Beatles zu Weltruhm gelangte, beim Maharischi und in einer Urschrei-Therapie Erlösung suchte und sich in einen wüsten, drogenschweren Selbstfindungsprozess warf. Der 1974 zum letzten Mal auf einer Bühne stand, sich danach zurückzog und das Leben eines Hausmanns führte.

Er war mit „Double Fantasy“ gerade erst wieder an die Öffentlichkeit getreten, als er am 8. Dezember 1980 vor seinem Haus einer Limousine entstieg, die ihn und Yoko Ono vom Studio abgeholt hatte. Jemand ruft seinen Namen. So weit er zurückdenken kann, rufen Leute seinen Namen. Zwei Kugeln treffen ihn im Rücken, er stolpert die Stufen zur Portiersloge hinauf. „I am shot“, flüstert er. Und verblutet. Lennon ist vierzig. Sein Mörder Mark David Chapman wird später sagen, dass er in ihm „einen erfolgreichen Mann“ gesehen habe, „der die ganze Welt an einer Kette führte. Ich war noch nicht einmal ein Glied in dieser Kette, nur eine Person ohne Persönlichkeit.“

Im kollektiven Gedächtnis hat sich diese Hinrichtung, mit der ein verstörter 25-Jähriger auf sich aufmerksam machen wollte, als Epochenwende festgesetzt. Ein Star zu werden, und damit zur Identifikationsfigur, das verlor seine Unschuld. Jeder erkannte plötzlich die Gefahr, obwohl sich das Popsänger-Erschießen seitdem in Grenzen gehalten hat. In einem bizarren Sinne war es ein Tyrannenmord. Denn mit John Lennon verlor die Welt ihren unbequemsten und am wenigsten durchschaubaren Mediendompteur. Einen Tyrannen seiner selbst, der in den zehn Jahren, die er die Trennung der Beatles überlebte, zum Agitprop-Künstler wurde und nichts unversucht ließ, um John Lennon umzubringen.

Das klingt paradox. Und tatsächlich ist die Widersprüchlichkeit, mit der Lennon zum Helden der Massen wurde, ohne von ihnen geliebt zu werden, sein Markenzeichen. In kommerzieller Hinsicht ist er ein Flop. Während seine Nachlassverwalter zuletzt 22 Millionen Dollar mit den Wiederveröffentlichungen von Beatles- Songs einstrichen, verkaufte sich die vor wenigen Wochen erschienene Jubiläums-CD „Working Class Hero“ (EMI) mit den Höhepunkten aus Lennons Solowerk in England nur etwa 200 000 mal. Auch von seinen unverzichtbarsten Soloplatten, „Plastic Ono Band“ (1970) und „Imagine“ (1971), wurden in den letzten 15 Jahren nur 153 000 und 412 000 Exemplare abgesetzt. Ein Broadway-Musical über den Popstar wurde nach beschämenden 49 Aufführungen eingestampft. Keine gute Zeit für ein Lennon-Revival.

Dabei ist das dem wütenden Ablösungsprozess von den Beatles abgerungene Lennon-Œuvre bis heute ein Fixstern. In den rohen, kantigen, überwiegend balladesken und von Schuldgefühlen getriebenen Songs kommt etwas zum Ausdruck, was man selten hört. Ein Schmerz und Mitteilungsdrang, der unverschleiert seine frühkindlichen Ursprünge bearbeitet: den Verlust der Mutter, die ihn erst einer Tante zur Erziehung überließ und dann bei einem Verkehrsunfall starb; der immer abwesende Vater. Statt auf Synthesizer griff Lennon, der Klang-Asket, auf das bewährte Blues-Instrumentarium zurück. Ein Piano, unverzerrte Gitarren, ein polternder Bass, der die Melodie konterkariert, und gelegentlich ein Schlagzeug; meist tat es ein Schellenkranz auch. Und für jeden seiner Nachfolger, der die Ausstrahlung eines Popsongs für politische Interessen einsetzen will, liefern seine Texte ein unerschöpfliches Reservoir an raffinierten Propaganda-Tricks.

Allen voran „Imagine“. Eine einfache Akkord-Progression, gespielt auf einem weißen Klavier, und dazu die Aufforderung, sich eine Welt ohne Himmel vorzustellen, ohne Hölle und „nichts, für das man töten oder sterben soll“. „Imagine all the people/ Living life in peace“, lautet die noch immer berührende Formel. Sie könnte einem Lehrbuch für Motivationstraining entsprungen sein. Nur seine harte, beinahe krächzende Stimme, in die noch immer der Liverpooler Straßenjungen-Jargon hineinspielt, verhindert, diese Ode für leeren Idealismus zu halten. Was sie aber natürlich ist.

Es verwundert nicht, dass Lennons mit Abstand populärste Hymne auf der aktuellen Tribute-CD „Give’m A Chance“ fehlt (Buschfunk). An diesen Song wagt sich keiner mehr heran. Stattdessen werden mit „Jealous Guy“, „I’m So Tired“, „Cold Turkey“ und „You’re Gonna Loose That Girl“ Lieder interpretiert, die Lennon von seiner zweifelnden, schwachen und schutzbedürftigen Seite zeigen. Auch „Instant Karma“ gehört dazu. Dessen wie ein Mantra wiederholtes „And we all shine on“ ist der Versuch, die Grenzen zwischen sich und jenen, die in seinem Schatten stehen, zu nivellieren – und sei es durch die bloße Kraft der Behauptung. So schwingt in der Selbststilisierung als „Working Class Hero“ stets auch die panische Angst mit, sein früher Ruhm könnte ihn zu einer Art Howard Hughes des Musik-Business machen. Umso mehr, da er sich nach der Beatles-Trennung seiner schöpferischen Brillanz nicht sicher war.

Solange Lennon mit McCartney um die Führung der Beatles rang, war er vor Fehlschlägen gefeit. Das Quartett hatte ein ausgeklügeltes System der Qualitätskontrolle entwickelt. Doch verstieg sich Lennon im Trennungsgetümmel des Jahres 1969 zu der Behauptung, in der Band zu sein käme einer „Vergewaltigung“ gleich. Er glaubte, die anderen würden seine Kreativität unterdrücken. Dabei hatte Lennon seinen Höhepunkt als Songschreiber bereits überschritten, während McCartney seinem erst noch zustrebte. Auch hatten sich die Beatles längst vom Bild der Grimassen schneidenden, schlagfertig-scherzhaften Pop-Clowns emanzipiert, das Lennon nicht müde wurde als persönliche Drangsal zu verteufeln.

Tatsächlich war es stets Lennon, der den Beatles-Kosmos durch seine Kaltschnäuzigkeit, seine Intelligenz, seinen bösen Humor und seine Abneigung gegenüber Autoritäten vor dem Gefälligen bewahrte. Er war es aber auch, der in dem Film „Help“ seinem Schneider das Maßband aus der Hand nimmt und mit den Worten zerschneidet: „Hiermit erkläre ich diese Brücke für eröffnet.“

Kann man es Jugendlichen, die mit PR- Ikonen wie Madonna, Robbie Williams und Rammstein groß werden, verdenken, dass sie Lennon nicht wieder erkennen? Er war ein Mann mit vielen Gesichtern.

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