Kultur : Tyrannen sterben nicht

Pinochet, Saddam und das Versagen der Justiz / Von Tahar Ben Jelloun

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Augusto Pinochet, Diktator, Mörder, Befehlsausführer seiner US-amerikanischen Herren und Meister, ist gerade in hohem Alter friedlich in seinem Bett verstorben. Er hat sogar die Fortschritte der Medizin nutzen können, um seine Leiden zu lindern. Pinochet ist nicht der erste Politiker, der Verbrechen gegen die Menschheit begangen hat und dennoch im Kreise seiner Familie Abschied vom Leben nehmen kann, als sei er ein braver Bürger, der sein ganzes Leben lang hart dafür gearbeitet hat, dass seine Kinder es einmal besser haben sollen.

Zu allen Zeiten und aus allen Regionen der Welt sind zahlreiche Diktatoren friedlich in ihren Betten verstorben. Selbst Gott lässt sich, nachdem sie ihre Drecksarbeit verrichtet haben, meistens Zeit, bevor er sie zu sich holt. Man darf einen Diktator nicht mitten in der Arbeit stören. Töten, morden lassen, foltern, Männer und Frauen verschwinden lassen, die man des Widerstands oder der Opposition verdächtigt, das ist der Beruf des Diktators.

Ich erinnere mich an einen Artikel des haitianischen Schriftstellers René Depestre nach dem Tod von Duvalier, Papa Doc, des Diktators, der Haiti in den Ruin getrieben und seinem Sohn, Baby Doc, an die Macht verholfen hatte. Die Überschrift seines Textes hieß in etwa: „Eine Leiche, die mehrmals getötet werden sollte“. René Depestre, der selbst unter dieser Diktatur gelitten hatte, wollte uns damit nur sagen, dass es Tote gibt, bei denen der Tod alleine nicht reicht. Es braucht mehr, nicht in Bezug auf Rache, sondern in Bezug auf Gerechtigkeit.

Ich gebe zu: Ich persönlich finde es unerträglich, dass Pinochet gestorben ist, ohne dass er vorher für seine Verbrechen gerichtet wurde. In einem Drehbuch oder in einem Theaterstück hätte ich ihn aus dem Grab holen und von kompetenten Personen richten lassen. Ich hätte die Familien der Verschwundenen, der zu Tode Gefolterten, vorbeiziehen lassen, damit sie Zeugnis ablegen und der Welt in Erinnerung rufen können, wer dieses Ungeheuer war.

Während Pinochets Begräbnis hat das Fernsehen schockierende Bilder übertragen: Junge Leute hielten Fotos von ihm hoch, um ihr Bedauern über sein Ableben auszudrücken und andere, vor allem Frauen, weinten. Wer wird diesen jungen Menschen von dem Leiden und dem Unglück erzählen, das ihr Held Tausenden von Jugendlichen angetan hat? Wer wird von den Milizen berichten, die in einem Gebäude auftauchten und alle jungen Männer herausholten, um sie in Lager zu stecken, zu foltern und am Ende in Leinensäcke gezwängt aus Helikoptern in die See zu werfen?

Wer wird die Wahrheit über Salvador Allende, den 1973 demokratisch gewählten Staatschef Chiles erzählen, der auf Befehl Henry Kissingers von den Panzern General Pinochets weggeputscht und schließlich ermordet wurde, weil sein Wahlsieg der amerikanischen Regierung nicht passte? Pinochet richten hieße auch, die US-amerikanischen Verantwortlichen vor Gericht stellen. Das erklärt die systematische Weigerung der US-Regierung, die Rechtmäßigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs anzuerkennen. Dieser Versuch der Gerichtsbarkeit kommt den amerikanischen Interessen in die Quere, denn er verteidigt die Opfer, die Schwachen, die Völker.

Uns interessieren nicht Menschen wie Augusto Pinochet oder Saddam Hussein. Sie waren verachtenswerte Wesen, Abschaum der Menschheit. Aber ihr politisches Wirken, ihr System, die gehören vor Gericht. Die Menschen vergehen, die Verbrechen bleiben. Aus der Politik ist der Begriff der Moral nach und nach verschwunden. Es ist nur noch die Rede von politischem Realismus, Zynismus und Kräfteverhältnissen. Die Justiz ist die offensichtlichste Waffe der Schwachen. Wenn sie nicht mehr funktioniert, wenn sie ausgehöhlt ist, krumme Wege einschlägt, dann leben wir im Dschungel, dann gilt nur noch das Recht des Stärkeren, das Recht der Lüge, zum Beispiel derer, mit der George W. Bush seine Besetzung des Irak gerechtfertigt hat. Die Straffreiheit, die Pinochet genoss, hat ihn ermutigt, einen posthumen Brief mit der Rechtfertigung seiner Verbrechen zu hinterlassen. Er schreibt, er habe das alles getan, damit Chile dem Marxismus nicht in die Hände fiel. Das Schlimmste ist, er wird es wohl wirklich geglaubt haben, denn es war das Argument seiner US-amerikanischen Herren und Meister.

Nun steckte eben jenes Amerika hinter dem Prozess und der Hinrichtung Saddam Husseins im Irak. Auch Saddam verdiente mehr als einen Tod, doch er hätte nicht hingerichtet werden dürfen, denn die Vollstreckung der Todesstrafe ist unvereinbar mit Gerechtigkeit und Zivilisation, sie hat jedoch viel gemein mit den kriminellen Praktiken des ehemaligen Diktators. Hier hat man Saddam in seiner eigenen Sprache, auf seine eigene Art geantwortet. Dabei wurde er sogar vor Gericht gestellt, doch die US-amerikanische Niederlage im Irak hat leider jede wirkliche Rechtsprechung verhindert.

Saddam wurde zum „Märtyrer“, zum Opfer stilisiert, gehenkt ausgerechnet am Tag des islamischen Opferfestes. Saddam hatte es wirklich mehr als verdient, für seine zahlreichen Verbrechen gerichtet zu werden, doch warum auf der Hälfte des Weges innehalten, warum haben die USA zum Beispiel nichts unternommen, um den Prozess ihres Freundes Pinochet zu ermöglichen? Zweierlei Maß. Eine je nach Einzelfall orientierte Moral. Dies raubt der Politik des mächtigsten Staates der Welt jede Glaubhaftigkeit und gibt vor allem ein schlechtes Vorbild für all seine Verbündeten ab. Die Bilder von Saddam und seinen vermummten Henkern haben sich in das Gedächtnis vieler Araber und Moslems gegraben. Darüber könnten leider sogar seine zahlreichen Verbrechen und Massaker in Vergessenheit geraten.

Macht ohne Recht ist Brutalität. Politik ohne Moral öffnet jeder Art von Barbarei Tür und Tor.

Tahar Ben Jelloun, 1944 im marokkanischen Fès geboren, lebt als Schriftsteller in Paris und Tanger. Auf Deutsch erschien im Berlin Verlag zuletzt sein Roman „Verlassen“. Seinen Text hat Christiane Kayser aus dem Französischen übersetzt.

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