Kultur : U-Boot der Ökumene

Der Theologe Klaus Berger will katholisch und evangelisch zugleich sein. Ein geistliches Lehrstück

Marius Meller

In Samuel Becketts Roman „Watt“ bekommt der Herausgeber einer fiktiven katholischen Monatszeitschrift „Crux“ einen Brief mit Fragen eines aufmerksamen Lesers: „Sir, eine Ratte oder irgendein anderes kleines Tier knabbert an einer Hostie. 1. Nimmt sie den wahren Leib in sich auf oder nicht? 2. Wenn nicht, was ist aus ihm geworden? 3. Wenn ja, was soll mit ihr geschehen? Mit vorzüglicher Hochachtung: Martin Ignatius Mackenzie“. Die subtilen Fragen des Leserbriefschreibers werden in „Watt“ unter Berücksichtigung einer ganzen Kaskade von Kirchenvätern gewissenhaft diskutiert. Der Leser heißt mit Vornamen Martin – wie der große Reformator – und Ignatius – wie der große Gegenreformator Ignatius von Loyola. Samuel Beckett spielt mit seiner humoristischen Parodie einer scholastischen Debatte auf den Streit der Konfessionen an, der in seinem Heimatland Irland bis heute blutige Gegenwart ist.

In Deutschland, dem Stammland der Reformation und der Heimat des gegenwärtigen Papstes („Wir sind Papst!“), hat der Fall des prominenten Heidelberger Theologen Klaus Berger, der im Verdacht steht, sowohl katholisch wie auch evangelisch zu sein, zwar nicht zu einer Aufkündigung des Westfälischen Friedens, wohl aber zu einem beträchtlichen Rauschen im Blätterwald der Feuilletons geführt. Die dringliche Frage, ob der Professor und Bestseller-Autor („Jesus“, 2005) nun Lutheraner oder Papist sei, stellte der ehemalige „Zeit“-Chefredakteur und Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin Robert Leicht in einem „J’accuse“-artigen Artikel unter der Überschrift „Wie der prominente Theologe die gläubige Welt an der Nase herumführte“ („Zeit“ vom 20. Oktober). Die „FAZ“ ging in gleich mehreren Feuilleton-Aufmachern auf Distanz zu ihrem freien Mitarbeiter Berger, „Spiegel“, „Welt“ und „Süddeutsche Zeitung“ berichteten und kommentierten ausführlich, als ginge es um das Steuermodell des anderen Heidelberger Professors, Paul Kirchhof, oder um das Seelenheil der ganzen Nation. Diesen Mittwoch hat sich neben der ehrwürdigen Heidelberger Universität und der Evangelischen Kirche nun auch der Vatikan eingemischt. Wieso eine derartig breite Debatte um das Credo eines kurpfälzischen Neutestamentlers?

Bei seinen Studenten ist der baumlange Theologe mit den stechenden Augen außerordentlich beliebt. Mit seinen unterhaltsamen, jährlichen „Nikolaus-Vorlesungen“ füllt Berger, Jahrgang 1940, mühelos das auditorium maximum – seit über zwanzig Jahren. Berger ist als Wissenschaftler ebenso thesenstark wie philologisch präzise. Er beherrscht neben den für Theologen selbstverständlichen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein auch Syrisch, Aramäisch, Koptisch, Arabisch und Äthiopisch.

Eigentlich wollte der getaufte Katholik Priester werden. Aber seine Promotion 1967 an der Münchner theologischen Fakultät wurde als ketzerisch beurteilt. Die These war: Jesus habe „das jüdische Gesetz nicht abgeschafft, sondern im Sinne seiner Zeit verstanden und erfüllt“ – eine These, die seit dem Katechismus von 1991 offizielle katholische Wahrheit ist. 1967 musste er eine neue Dissertation schreiben, und die Priesterlaufbahn blieb dem „Häretiker“ verschlossen. Nach der zweiten Doktorarbeit wurde er Dozent an der protestantischen Fakultät im holländischen Leiden. Seinen damaligen „Übertritt“ in die evangelisch-lutherische Kirche versteht Berger nicht als Austritt aus der katholischen. „Mir wurde damals ausdrücklich gesagt, dieses bedeute keinen ,Austritt‘ aus der katholischen Kirche, sondern einen Übertritt.“ In einem so genannten forum internum, einer Art Beichtgespräch mit einem katholischen Geistlichen, habe er später eine „Tolerierung des Übertritts erlangt“, weil er als protestantischer Professor und Herzenskatholik die „Freuden des Evangeliums“ lehren wollte. Von diesem Vorgang habe, behauptet Berger, der damalige Kardinal Joseph Ratzinger „formale Kenntnis“ gehabt und es stillschweigend gebilligt.

In den letzten Jahren ist Berger – nicht zuletzt durch seine zahlreichen Essays in der „FAZ“ zu kirchlichen Themen – zu einem der prominentesten Theologen geworden. Seine Einlassungen zu dogmatischen Fragen handelten ihm von protestantischer Seite das Attribut des Reaktionären ein. Seine Artikel ließen die theologisch interessierten Leser verdutzt zurück: „Ist ihm nun die katholische oder die evangelische Kirche nicht katholisch genug?“, schreibt Robert Leicht. Berger – der etwa im „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“ nicht nur Wunder und Jungfrauengeburt, sondern gar den Exorzismus leichthändig verteidigen konnte – ging mit einem „FAZ“-Artikel nach der Papstwahl wohl einen entscheidenden Schritt zu weit. Er forderte die „Unterwerfung“ der Protestanten und Orthodoxen unter den Papst, um somit eine neue Einheit der Kirche zu schaffen.

Dem Berliner Bischof Wolfgang Huber, der zuvor ebenfalls Heidelberger Professor war und sich schon damals mit seinem Kollegen nicht verstand, platzte der Kragen und er schrieb einen Leserbrief an die „FAZ“, in dem er forderte: „Irgendwann muss einer der Katze die Schelle umhängen.“ Das besorgte dann Robert Leicht in der „Zeit“, der Huber nahe steht.

Es wäre zu einfach, wollte man die Sache als Ränkespiel verfeindeter Talarträger verstehen. Die Protestanten müssen angesichts der „Wiederkehr des Religiösen“, der allseitigen Begeisterung für das Katholische nervös werden. Gegenüber der – man kann das nicht weginterpretieren – dogmatisch-totalitären römischen Kirche müssen sie die lutherische „Freyheit des Christenmenschen“ verteidigen, die übrigens zum Kern der Geschichte unseres liberalen Pluralismus gehört.

Der Vatikan hat nun Bergers Darstellung von der Mitwisserschaft Ratzingers offiziell widersprochen, die Evangelische Landeskirche ihr umstrittenes Schäfchen als reguläres Mitglied bezeichnet, und die Universität Heidelberg sieht „keinen Anlass für dienstrechtliche Maßnahmen“. Vielleicht ist der „Fall Berger“ eine Art biografischer Hybris, wie der große Tübinger Theologe Eberhard Jüngel in der „FAZ“ spottete: Professor Berger bilde sich wohl ein, dass in seiner Person „die römisch-katholische und die evangelisch-lutherische Kirche zwar unvermischt, aber dennoch ungetrennt beieinander sind“.

Der Fall Berger ist nun geklärt – aber er brachte die Frage der Ökumene in ihrer ganzen Schärfe in die deutsche Öffentlichkeit. Er zeigt auch, dass es höchste Zeit für die Evangelischen ist, die Attraktivität ihrer Tradition so wirksam darzustellen wie es die medienbewussten Katholiken seit jeher verstehen. Schließlich gibt es – nicht nur im Lande Luthers – freie Bürger, die Jesus Christus so tief verehren, dass ihnen eine Kirche nie genug sein kann.

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