Udo Lindenberg im Interview : "In der Coolness liegt die Kraft"

Heute singt Udo Lindenberg vor 100 000 Fans im Berliner Olympiastadion. Er bringt Gäste wie Eric Burdon, Max Herre und Otto Waalkes mit. Im Interview erzählt er, warum Deutschland wieder mehr Panik braucht.

Ralf Krämer
Hut, Sonnenbrille, Jogginghose. Udo Lindenberg im typischen Bühnenoutfit. Foto: Jan Woitas/dpa
Hut, Sonnenbrille, Jogginghose. Udo Lindenberg im typischen Bühnenoutfit. Foto: Jan Woitas/dpaFoto: picture alliance / dpa

Herr Lindenberg, Sie zitieren gerne den Konzertveranstalter Fritz Rau mit dem Satz: „Es schadet nicht, wenn man aus einem Konzert gescheiter herauskommt, als man reingegangen ist.“ Welche Konzerte haben Sie selbst gescheiter gemacht?
Sensibilisierter bin ich früher bei Bob Dylan rausgegangen, bei Pink Floyd, Marianne Faithfull und dann später bei Coldplay auch. Aber eigentlich haben mich für manche Themen am stärksten unsere eigenen Konzerte sensibilisiert und auch die Gäste, die wir hatten. Mit Joan Baez, Harry Belafonte, Eric Burdon und so haben wir große Shows gemacht. Nach denen war ich auch schlauer.

Ein Beispiel, bitte.
Erinnern kann ich mich daran, wie ich David Bowie in seiner Anfangszeit gesehen habe, mit seiner Ziggy-Stardust-Show. Da habe ich gelernt: Probier’ dich aus. Mach’ dich frei von diesen uralten Dingern, die du früher immer gehört hast. Mit Homophobie ist man ja praktisch groß geworden, also ich in den fünfziger Jahren. Und dann gab es da David Bowie, der seinen Gitarristen auf der Bühne küsste. Das ist dann auch in einen Song von mir eingeflossen, wo ich das erzähle und es dann heißt: „Wieso auch nicht? Es ist doch ganz egal, ob du ein Junge oder n’ Mädchen bist.“ Egal, welche Farbe, Sprache oder Religion einer hat, man muss ein kollektives Feeling hinkriegen, das von Offenheit und großer Toleranz gekennzeichnet ist.

Also ist ein ideales Konzert auch ein Modell für eine bessere, freiere Gesellschaft?
Ja. Ich komm ja auch aus der Hippie-Zeit, irgendwo. Die Botschaft: „Make love, not war“ ist ja genau richtig. Und die gilt auch heute noch, genau wie einiges, was Hermann Hesse gesagt hat. Seine Lesungen konnte ich leider nicht mehr besuchen; er ist zu früh gestorben. Aber was ich von ihm gehört habe, hat mich auch schlauer gemacht: Lebe deine „heilige Individualität“, lass dich nicht fremdbestimmen! So stelle ich mir eine tolle Gesellschaft vor: eine Gemeinschaft vieler konsequenter Super-Individualisten, die ihren Weg gehen, in freundlicher Absprache mit den anderen.

Auf der Bühne huldigen Sie dem Hamburger Rotlichtviertel. Tatsächlich schließen immer mehr Clubs, und das Verbot von Prostitution wird diskutiert. Wird man eine gewisse Art von Nachtleben irgendwann nur noch als Kulisse in Udo-Lindenberg-Konzerten besichtigen können?
Nö. Solche Clubs wie das Onkel Pö gibt’s doch immer mal wieder. Das Moulin Rouge in Paris steht ja auch noch. Kit-Kat-Clubs, Tänzer im Can-Can-Stil auf großen Bühnen, wie dem Friedrichstadtpalast, das wird es weiter geben. Dann gibt es auch so etwas wie das Berghain, auch ’ne tolle Szene. Sogar so etwas wie das Café Keese mit seinen Tischtelefonen gibt’s noch gelegentlich.

Das heißt, Sie gehen privat sowohl in den Technoclub Berghain als auch in nostalgische Tanzcafés?
Ja klar. Ich geh’ überall gucken, mal hier, mal da.

Eine neue deutsche Prüderie konnten Sie also noch nicht beobachten?
Ganz im Gegenteil. Es ist ja eine superbunte Kultur gerade hier in Berlin im Gange. Es gibt hier diese ganzen Motto-Events, mit Fashion und Voguing, sie machen da was für Hippies und hier ihren Undergroundclub. Ich bin da ganz optimistisch. Diese Kultur ist jetzt viel, viel reicher, als sie es noch vor 20 Jahren war.

Zwischen den Bildern, die auf Ihre Bühne projiziert werden, gibt es ein Foto, das eine Familie auf der Flucht zeigt. Missbrauchen Sie reale Not als Show-Effekt?
Es ist bei uns das Besondere, dass wir auch die krasse Realität auf der Bühne reflektieren. Aber wir bringen die Welt, wie sie ist, in eine Form, über die die Leute auch einen Zugang zu ihr finden. Sonst würden sie schnell abschalten und sagen: Nicht noch ein Problem, ich hab schon Probleme genug. Wir wollen die Sinne und die Augen öffnen für die Dramen, die sich für viele Flüchtlinge abspielen, ihre verzweifelte Suche, einen Ort zu finden, wo man nicht vor Hunger stirbt oder an dem an jeder Ecke geschossen wird.

Aber was bringt es Flüchtlingen, wenn Sie zwischen Reeperbahn- und Raumschiff-Kulissen auftauchen?
Bei uns gibt es eine Wahnsinns-Showtime. Immer schon. Aber ich will trotzdem nicht, dass die Mauer aus Ignoranz, die es sowieso gibt, auch auf unserer Bühne steht. Darum singe ich so einen Song wie „Wozu sind Kriege da?“. Zu dem zeigen wir auch die härtesten Bilder. Und die Leute stehen da, schwer geschockt, ergriffen und berührt. Aber dann sind sie auch motiviert und denken: Ich werde mich jetzt mal mehr darum kümmern, ich werde hier an einer Ecke – nennen wird das ruhig mal so – meines Weltgewissens gepackt. Ich lebe nicht nur in einem ziemlich friedlichen Deutschland, ich bin auch Planetenbürger. Die Welt geht mich an.

Ihre Shows waren immer schon großes Theater, hießen „Dröhnland“ oder „Götterhämmerung“ und wurden unter anderem von Peter Zadek inszeniert. Wenn Sie jetzt in Stadien auftreten: Ist das nur größer und teurer, ansonsten sind Sie ganz der Alte?
Ich finde, dass ich besser geworden bin. Geschmeidiger, schneller, flexibler. Ich habe mich immer für neue technische Möglichkeiten interessiert. Vor zwei Jahren habe ich mir die Rolling Stones im Hyde Park angesehen, die hatten 600 Quadratmeter große LED-Leinwände auf der Bühne. Das war sehr schön. Aber ich habe dann gesagt: Lasst uns das noch ein bisschen größer machen.

Größer, flexibler, schneller – das klingt, als würden Sie von Olympia reden und nicht von einem Konzert.
Ich war ja auch immer skeptisch gegenüber Stadionkonzerten, weil die schnell so anonym werden. Aber wir halten das Konzept offen. Wir haben viele Gäste dabei. Zuletzt in Düsseldorf kamen zum Beispiel lokale Dixieland-Bands auf die Bühne, bei denen habe ich ganz früher Schlagzeug gespielt. Auch wenn das alles gut organisiert ist, das ist dann eher ein Happening und nicht so eine glattgeschmierte amerikanische Show. Außerdem kann man uns überall auf unserer tausend Quadratmeter großen Leinwand gut sehen. Und dann wurde ein Fluggerät für mich gebaut, mit dem kann ich jeden Zuschauer, auch noch auf den hintersten Rängen, besuchen. Da sind 100 000 Menschen, aber ich kann die Brille runternehmen, dem einen in die Augen gucken und sagen: Hi, du auch da?!

Dicke Hose und Intimität schließen sich nicht aus?
Nee, überhaupt nicht. Ich wusste vorher nicht so genau, ob das funktioniert. Und meine Leute haben gesagt: So ein Fluggerät, das kann man nicht bauen. Da habe ich gesagt: Ist egal, wir sind ja Pioniere. Flugpioniere. Ich bin ja der Sohn von Charles Lindbergh, sozusagen. Das sieht man ja schon am Namen. Und jetzt bin ich eben Flugpionier, wie mein Vater, der Ozeanflieger. Beim Fest zum Mauerfall bin ich am 9. November 2014 in Berlin übers Brandenburger Tor geflogen.

In den frühen siebziger Jahren haben Sie Ihre Band Panikorchester genannt. Platten hießen „Panik Udo“ oder „Panische Zeiten“. Was bedeutet Panik für Sie heute?
Damals, als wir anfingen, mit diesen deutschen Texten aufzutreten, war unser Motto: Wir wollen Panik. Ja, Panik. Wir wollten Angst und Schrecken verbreiten. Das galt der Schlagerlobby, die war damals total überpräsent, in allen Medien. Dann kam da so ein Typ wie Udo, der kann ja gar nicht singen. Der besoffene Chaot da, was soll das? Die haben mich richtig blockiert. Boykottiert. Deswegen habe ich mir gedacht: Ich versetzte die in Panik. Wir machen Alarm.

Über mangelndes Medieninteresse können Sie sich nicht mehr beschweren.
Panik hieß für mich aber auch schon immer: Keine Panik! Immer cool bleiben. Mit einem Wort: Wir kriegen praktisch alles hin, ja? In der Coolness liegt unsere Kraft. Das ist cool und lässig und trotzdem die volle Power. Das ist das Geheimrezept von unserem Groove, unserem Sound, unserer Musik.

Udo Lindenberg, 69, begann seine Karriere als Schlagzeuger. Er studierte an der Musikhochschule in Münster, zog nach dem Wehrdienst nach Hamburg und trommelte für die Jazzpopformation Passport.1971 erschien sein erstes Soloalbum, 1973 schaffte er mit der Langspielplatte "Andrea Doria" den kommerziellen Durchbruch. Nach der Veröffentlichung seines Hits „Sonderzug nach Pankow“ durfte Lindenberg 1983 im Ost-Berliner Palast der Republik auftreten, unter ständiger Beobachtung des Ministeriums für Staatssicherheit. Dem DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker schenkte er bei dessen Besuch in Westdeutschland 1987 eine Lederjacke. Am Dienstag, 14. Juli, spielt Lindenberg im Berliner Olympiastadion. Zu seinen Gästen gehören Eric Burdon, Jan Delay, Max Herre und Otto Walkes.

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