Udo Lindenberg im Porträt : "Ich habe mich für Hut entschieden"

Seine Hits sind praktisch nicht mehr zu hören. Dennoch hat Udo Lindenberg es zurück aus der Rocker-Rente geschafft - am Donnerstag hat das Musical "Hinterm Horizont" Premiere in Berlin.

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Unverkennbar: der echte Udo Lindenberg bei der Vorstellung des Musicals "Hinterm Horizont".
Unverkennbar: der echte Udo Lindenberg bei der Vorstellung des Musicals "Hinterm Horizont".Foto: Thilo Rückeis

Es gibt einige Gründe, Udo Lindenberg zu hassen. Das zum Klischee erstarrte Johnny- Controletti-Genöle, die Latexpelle ums Gemächt, das öde Gebratze seiner Bands, die Angewohnheit, unterirdisch schlechte Karikaturen mit Eierlikör zu pinseln. Aber über solche Detaileinwände ist „Deutschlands coolster Kult- Rocker“ („Bild“) mit Zustimmung seiner Fans und Kritiker längst ins Überlebensgroße hinausgewachsen. Denn wie kaum ein anderer Musiker hat er, ohne es unbedingt zu wollen, unauslöschliche Spuren hinterlassen im Land, vom frühen „Tatort“-Getrommel bis rauf zu seiner zumindest geistigen Beteiligung am Mauerfall, als er schon 1983 den „Sonderzug nach Pankow“ gegen die DDR-Obrigkeit anrollen ließ.

Seine Hits sind heute praktisch nicht mehr zu hören – aber dennoch hat er es nach Art der ganz großen Stars zurück aus der Rocker-Rente geschafft: „Hinterm Horizont“, das Udo-Musical, hat am morgigen Donnerstag Premiere am Potsdamer Platz.

Dann werden wohl auch ohne seine unmittelbare Beteiligung all die alten Sachen wieder nach oben kommen, die sich ins Gedächtnis einer Generation eingegraben haben, ob die nun wollte oder nicht: „Alles klar auf der Andrea Doria“, das Mädchen aus Ost-Berlin, Gestalten wie „Rudi Ratlos“ und natürlich „Erich, ey, du sturer Schrat“, der sich später zur allgemeinen Überraschung doch nötigen ließ, den friedenspolitisch extrem ungefestigten West-Star im Arbeiter-und-Bauern-Staat singen zu lassen.

Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Seine frühe Entscheidung, den „Schlagerfuzzis“ die Hoheit über die deutsche Sprache zu entreißen, machte Lindenberg schlagartig bekannt, seine politische Unbefangenheit ebnete ihm den Weg zum gesamtdeutschen Superstar. Viele seiner Konzerte waren allerdings von der kategorischen Haltung beeinträchtigt, nie unter 1,2 Promille aufzutreten, manches angeblich charismatische Genuschel dürfte wohl ebenfalls unter dem Einfluss unverdünnter Spirituosen entstanden sein – das ist aus heutiger Sicht Folklore am Rande eines ziemlich bunten, bislang 64 Jahre währenden Lebens.

Die Vorpremiere des Musicals hat er schon abgecheckt, auffällig getarnt mit Kappe und angemaltem Bart. Wenn er sich am Donnerstag den nichtendenwollenden Beifall abholt, wird er aber wieder einer Lebensregel folgen, die ganz am Anfang seiner kuriosen Karriere stand: „Ich habe mich für Hut entschieden.“

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