Udo Lindenberg in der Berliner Waldbühne : Der Treueschwur als Krönung

Er mache Musik für panische Zeiten, singt Udo Lindenberg - seit mehr als 40 Jahren. In der Berliner Waldbühne zeigt sich, wie zeitgemäß dieser Ansatz ist

Panikpräsident. Udo Lindenberg in der Waldbühne.
Panikpräsident. Udo Lindenberg in der Waldbühne.Foto: imago /APP-Foto

Am Ende, nachdem ein prächtig vergoldeter Tempelberg auf der Videowand im Bühnenhintergrund erschienen ist und Udo Lindenberg von seinem persönlichen Traumziel und höchstem Glück, seinem „Eldorado“, gesungen hat, als also alles gesagt ist, da fehlt doch noch eine Sache. Und zu der kommt er dann: dem Udo-Schwur. Hebt die Rechte, spreizt die Finger wie ein Trecky und sagt halb noch singend, aber eigentlich es genauso meinend: „Ich schwöre, meine Freunde“.

Gemeint ist das Versprechen, dass er für einen da sein wird. „Wenn’s drauf ankommt“. Und offenbar für jeden einzelnen der 22.000 in der voll besetzten Berliner Waldbühne. „Wir machen die dollsten Dinger klar.“ Was man natürlich ungemein kitschig finden müsste, wenn es nicht Lindenberg wäre, der es sagte in der geübten Pose des lässigen Tresenstehers, leicht nach hinten gekippt, die Sonnenbrille des wichtigen Moments wegen von den Augen gezogen, die Schwurhand in den Nachthimmel erhoben.

Kein vernünftiger Mensch dürfte einen solchen Eid ablegen. Ein Star von Lindenbergs Güteklasse schon. Denn seine Anwesenheit ist nicht mehr an ihn als Person gebunden.

Es ist der Michael-Jackson-Moment des zweistündigen Lindenberg-Wahnsinns, der ihn gerade wieder durch die Großarenen der von ihm beschworenen „bunten Republik“ führt. Die Zeiten sind sein Thema. Dass sie schwer waren und dass er sich stärker erwiesen hat als sie. Er weiß ja um die Gründe, deretwegen man nicht mehr viel auf ihn gegeben hat. Das Gesaufe, das feiste Mafiosi-Getue, das haltlose Gelaber, die vielen schlechten Platten, bis er 2008 mit „Stark wie zwei“ die wundersame Wiederauferstehung erlebte als „Phoenix aus der Flasche“. Seinen Dank für diese Lebenskurve packt er in unverblümte Liebesbekundungen. Man habe ihn nicht aufgegeben. „Danke für eure Liebe“, verkündet er. Nur wirklich große Popkünstler wie Michael Jackson werden nicht müde, so etwas zu sagen. In Deutschland geht das eigentlich nicht. Nur einem ist es wohl vergönnt, eine so künstliche Situation wie ein Rockkonzert dann auch noch mit einem Treueschwur zu krönen. Udo himself.

Das Gefühl des ewigen Außenseiters

Das zieht augenblicklich eine so heftige kollektive Rührung nach sich, dass Lindenberg sich nicht anders zu helfen weiß, als einen weißen Raumanzug überzustülpen – der Helm ist groß genug, um auch noch über den Hut zu passen – und die Triebwerke einer imaginären Rakete zu zünden, worauf sich der Sänger quasi in Nichts auflöst. Oder eben in eine Wolke aus Eisnebel und Konfetti. Alles nur Knall und Rauch.

Die in dieser Inszenierung verborgene symbolische Dialektik ist etwas für Feinschmecker. Denn in dem Bild des Astronauten und „Ufomanns“, das Lindenberg immer wieder beschwört, steckt der ewige Außenseiter, als der er sich fühlt. Er gehört eben nicht dazu. Zuallererst, weil er sich gar nicht anpassen will. Das macht ihn aus seiner Sicht zu einer Art Fliegenden Holländer, der mit dem Fluch einer ewigen Wiederkehr belegt ist. „Keiner weiß, wohin die Reise geht“, heißt es denn auch zum Auftakt der Show in „Odyssee“, seiner schon 1983 formulierten Gesellschaftsdystopie. Wenn der Wahnsinn das Steuer erst übernommen hat, bleibt nichts Anpassungswürdiges mehr übrig, lautete das Credo.

Wie sehr diese Diagnose wieder in die Zeit passt. Überall verrückte Despoten. Lindenberg darf sich durchaus bestätigt fühlen in seinem Ansatz, Musik „für panische Zeiten“ zu machen. Seine Anti-Neonazi-Lied „Sie brauchen keinen Führer“ von 1984 muss er kaum verändern, damit es auf die neuen Autoritären zutrifft. „Wie lange muss ich dieses Lied eigentlich noch singen“, sagt er genervt, als er einen Kinderchor für seine Peace-Hymne „Wozu sind Kriege da“ auf die Bühne führt. Man müsse Mauern wegtreten, auch wegsingen, sagt er ein andermal. „Hab’ ich prima hingekriegt.“

Der verlässliche Gefährte

Aber Lindenberg ist nicht so gut, wenn er sich „gegen die Strömung“ stellt, gegen etwas ansingt. Viel besser liegt ihm die Tonlage des euphorischen Feierbiests, das vom „Straßenfieber“ als revolutionärer Energie träumt und in einem Akt der Selbsthypnose meint beobachtet zu haben: „Es geht wieder los.“

Das Panikorchester, das nun schon seit über 40 Jahren seinen Radau aus Varieté und Agitprop veranstaltet, ist Lindenbergs Version einer Rocky Horror Picture Show. Wüstes Durcheinander der Stile und Stimmungen. Tänzerinnen fegen in Netzkostümen über die Bühne oder schweben auf einem Balken durch die Trash-Szenerie. Background-Sänger gesellen sich in wechselnder Konstellation zu Sugar-Daddy, der den Laufsteg oft für trippelnde Sprints ins Publikum nutzt. Sein Lieblingsrequisit: ein kunstvoll in seinen Lauf geworfenes Kissen, auf das er seine gebeutelten Knie sinken lassen kann. Und der Verehrungsgesten gibt es einige an diesem Abend. Otto Waalkes, der alte WG-Kumpel, darf über den „Highway To Hell“ schroten, und Schauspieler Axel Prahl pflanzt sich breitbeinig in die Hollywood-Eloge „Candy Jane“.

Entstanden ist diese „Rock’n’Roller“-Ekstase in den siebziger Jahren aus dem Bild der Untergangsgesellschaft (Stichwort: Das Ende des Wachstums), die gefangen wie auf einem im Nebel havarierten Ozeandampfer in wilder Kopflosigkeit letzte Momente auskostet und unglückstrunken „Alles klar auf der Andrea Doria“ ins Funkgerät grölt. Als Travestie funktioniert der Irrsinn dieses Spektakels immer noch wunderbar. Dass die Musik von jeher holprig und einfältig klang, geschenkt. Sie nimmt sich ohnehin nicht sonderlich ernst. Verkleidungsspiele.

Wie sehr sehr Lindenbergs Kosmologie in der Verehrung für amerikanische Musik wurzelt, demonstriert die Band in der ersten Zugabenfolge. mit ihrem Broadway-Swing-New-Orleans-Jazz-Honky-Tonk-Medley. Eine Bar am Bühnenrand simuliert angemessen adipös, wie kurz der Weg von der lustigen Freakshow zum Musical-Klischee ist.

Doch kann Lindenberg die Gemütslage mittlerweile in ganz andere Gefilde verschieben. In die pure Großherzigkeit. Seine Lebenserzählung ist die des verlässlichen Gefährten geworden, der mit seinem ostdeutschen Publikum durch historische Umwälzungen intensiv verbunden ist. Neuere Balladen wie „Stärker als die Zeit“ tragen so viel Treue dieses sich sukzessive entblätternden, aus seinen Verkleidungen tretenden Mannes in sich, dass sie mit Altersmilde nur unzulänglich beschrieben wäre. Sicher, Lindenberg ist 71. Aber die Enthemmung, die er heute sucht, will tiefer reichen. „Ich nehm die Sonnenbrille ab, check den Moment / Wenn eine Seele die andere erkennt“. Auf der Bühne kann man zwar Tausenden nicht gleichzeitig in die Augen blicken. Aber der Versuch zählt. Das ist der direkte Weg, oh Lucky Duke.

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