Kultur : Über allen Genossen schwebt Väterchen Stalin

Doris Meierhenrich

Avantgarde mit schrägen Linien: Die Arbeiten sind im russischen Haus für Wissenschaft und Kunst zu sehenDoris Meierhenrich

Immer ist es das Detail, das besticht. Roland Barthes hat ein solches Detail einmal punctum genannt, das Zufällige, Unbeabsichtigte. Fotografien mit derart anarchischen Details hängen derzeit im Russischen Haus für Wissenschaft und Kunst. "Moskau von 1920 bis 2000": Bilder zwischen dem Kalkül einer großen Geschichte und dem jedes Kalkül sprengenden Eigenleben zufälliger Details. Das Foto von einer Festdemonstration auf dem Roten Platz ist ein solches Bild, das den schmalen Grat dokumentiert, auf dem sich ein russischer Fotograf in den dreißiger Jahren bewegte. Zwischen Kremlmauer und Volk stand das Podest des Fotografen: Entfernt genug, um die Transparente mit Stalinbildern und Siegeslosungen über den Köpfen der Marschierenden schweben zu sehen, und nah genug, um keine Masse, sondern einzelne Menschen einzufangen. Mitten drin: eine alte Frau. Sie schaut an einem riesigen Schild hinauf, das sie selbst trägt. Ein kurzes Wort nur steht in kyrillischen Buchstaben darauf: "sa!" - "Ich bin dafür!". Ungläubig, fast ärgerlich blickt sie auf dieses "sa", denn lange wird sie das schwere Schild nicht tragen können.

Eigentlich ist dieses Foto ein Zufallstreffer. Eines von vielen, die der ukrainische Fotograf Boris Ignatowitsch an diesem Tag Anfang der dreißiger Jahre geschossen hat. Doch unter denen, die er seiner Zeitung zur Veröffentlichung zukommen ließ, wird es kaum gewesen sein. Denn nicht Stalins Schnurrbart, sondern das Gesicht der Frau wird zum Thema des Fotos, durch sie passt es nicht mehr in die große Geschichte des sozialistischen Realismus, die hier erzählt werden soll. Auch Ignatowitsch passte sehr bald nicht mehr da hinein, und wurde - wie auch Alexander Rodschenko, mit dem er eng zusammenarbeitete - nach 1934 aus dem Verband der Fotografen ausgeschlossen.

In einigen Fotos aber scheint es auch, als habe sich das bestechende, subversive Detail von selbst hinein geschlichen. Denn in den zwanziger Jahren noch ließen sich die Blicke Rodschenkos und Ignatowitschs gefangen nehmen von ihrer konstruktivistischen Liebe zur Geometrie. Die Aufmärsche fotografierten sie einfach schräg, indem sie die Kamera um einen kleinen Winkel zur Seite kippten. Die Menschenmassen erscheinen darin als Linien, die sich einem unsichtbaren Mechanismus folgend durch die alten Moskauer Gemäuer hindurch ins Zentrum ziehen.

In den frühen zwanziger Jahren dienten solche Fotografien beidem: dem künstlerischen Experiment und dem Geist der Revolution. Wirklich bestechen aber können diese Konstrukte nicht. Das Zufällige fehlt, das, was wie ein Lidschlag aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinblinzelt. Man sieht es erst später: Wenn Wladimir Majakowskij als Parvenü auf einer Demonstration gesichtet wird, oder in den faltigen Gesichtern dreier alter Männer - erste Passagiere der Moskauer U-Bahn -, die 1935 so verdutzt in die Kamera von Jakow Chalip schauen, als sähen sie durch dessen Linse in die Welt von heute. Die Kunstfotografien der Konstruktivisten und der Fotografen der achtziger und neunziger Jahre hängen neben den Fotos, die in der Sowjetunion zur Propaganda tauglich waren, und denen, die in der Schublade verschwanden. Welche Fotos wie behandelt wurden, kann man nur erraten, eine ausführlichere Dokumentation wäre gewiss wünschenswert gewesen. Ohne historisch sicheren Kontext aber erschaffen sich viele der Fotos noch viel unbefangener eine eigene Welt und erscheinen mehr denn je als Zeichen ihrer selbst: Zeitgeschichte zu sein und doch ganz weit weg davon - wie Chalips Luftschiff über der Lubjanka.Noch bis zum 12. März im Russischen Haus für Wissenschaft und Kunst (Friedrichstr. 176, Mitte), Di bis Fr 15-19 Uhr, Sa bis So 14-18 Uhr

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