Kultur : Über dem Leiden

KONZERTHAUS

Isabel Herzfeld

Wie alle Wunder ereignet sich auch dieses unverhofft. Zwischen den düsteren Klangblöcken des „Lidice“-Gedenkstücks und der Suite „Aus einem Totenhaus“ von Leos Janácek leuchtet Mozarts letztes Klavierkonzert KV 495 hervor. Nicht als geschliffenes Juwel allerdings, sondern als zart duftende Blüte. Anatol Ugorsky formt sein Passagenwerk als sensible Klangrede, belebt sie durch reiche, spontan wirkende Phrasierung und Dynamik. Das inspiriert zunehmend das von Claus Peter Flor mit Umsicht und Feuer zugleich geleitete Orchester der Deutschen Oper Berlin.

Dem bald üppigen, bald zart schattierten Klavierton suchen die Streicher an Schmelz und Wärme den Rang abzulaufen. Flöte, Oboe und Fagott fügen Glanzlichter hinzu. Kein Mozart der „historisch“ legitimierten, schmalbrüstig-spitzigen Aggressivität also, sondern in seiner melancholischen Poesie vom Geist des großen Artur Rubinstein getragen. In Hochform zeigt sich das Orchester, zurzeit mit einer fabelhaften „Jenufa“ zu erleben, im tschechischen Idiom. Martinus „Gedenkstück“ auf das Nazi-Massaker in Lidice türmt ausladende Klangflächen zum katastrophalen Ausbruch, denen bei allen schmerzhaft dissonanten Reibungen ein luxuriöser Schimmer eignet. Janáceks Orchestersuite fordert höchste Virtuosität eher auf der Bewegungsebene heraus: in rhythmisch vertrackten Tanzfragmenten, den wie im Fieberschauer sich schüttelnden Figuren von Violinen und Klarinette, den unheimlichen Einbrüchen rasselnder Eisenketten und Trommelwirbel. Musikalischer Realismus von höchster Ausdrucksgewalt. Große Begeisterung der schändlich kleinen Zuhörerschaft im Konzerthaus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben