Kultur : Über den Drangsalen städtischen Alltagslebens

KLAUS ENGLERT

An Lob für Düsseldorfs "Stadttor", das flugs zum Wahrzeichen der Landeshauptstadt erkoren wurde, hat es nicht gemangelt.Jüngst wurde ihm sogar von der Jury einer Immobilienmesse in Cannes die Auszeichnung für das beste Objekt des Jahres zuerkannt.Und wenige Wochen nach dieser Preisverleihung gab Wolfgang Clement, Nordrhein-Westfalens neuer Ministerpräsident, bekannt, er werde Anfang nächsten Jahres mit der Staatskanzlei in "Europas modernstes Hochhaus" einziehen.Die Welt solle sehen, so sein Kommentar, zu welchen "Bestleistungen" Nordrhein-Westfalen in der Lage sei.

In ähnlichen Superlativen dachten offenbar die Auslober des Düsseldorfer Wettbewerbs, als sie 1992 die Vision eines Gebäudes für das nächste Jahrtausend forderten.Wenn schon keine "Stadtkrone", so sollte doch zumindest ein "Stadttor" her, das zum architektonischen Logo für die rheinische Metropole der Medien und Finanzen, für ein neues Düsseldorf werden sollte.Dieses neue Düsseldorf wird derzeit auf dem Gebiet des Alten Hafens errichtet.Denn hier entstehen neben dem neuen Landtags-Gebäude, dem Fernsehturm und dem WDR nicht nur Bürokomplexe, sondern auch ein großes Medienzentrum, das dem Kölner MediaPark Konkurrenz macht.

Wenn das Stadttor nach Meinung des Investors das neue Wahrzeichen Düsseldorf ist, dann allenfalls für das Düsseldorf der Yuppies und sonstiger Neureicher.In den Büros des Stadttors, die ganz nebenbei eine traumhafte Rendite versprechen, fühlt man sich erhoben über den Drangsalen des städtischen Alltagslebens.Die Ausblicke vermitteln eine Erhabenheit der besonderen Art, besonders wenn man aus dem Attikageschoß blickt, das die oberen Geschosse der beiden Bürotürme miteinander verbindet.Hier kann man sich auf die Korridore vor der Außenfassade stellen und, bei entsprechender Schwindelfreiheit, den Blick ungehindert in die Ferne schweifen lassen.Daß das Stadttor auf brutalste Weise die Wohnhäuser seiner unmittelbaren Umgebung wie ein übermächtiges Felsmassiv überragt, wird man mit Sicherheit kaum wahrnehmen.Denn es garantiert den freien Blick über derartige urbane Wunden hinweg.

An diesen Unzumutbarkeiten haben sich natürlich weder der Investor noch die Düsseldorfer Architektengemeinschaft Petzinka, Pink & Partner gestört, denen es vor allem um ihre große Vision ging.Da in der ganzen Welt die Pariser Grande Arche als Monument der Zukunftsstadt verherrlicht wird, sollte nun ihre Kopie am Rhein errichtet werden, um der Landeshauptstadt etwas mehr metropolitanen Charakter zu verleihen.Nur haben die Architekten dabei übersehen, daß die kleinteilig organisierte Rheinuferbebauung mit dem "Bürgerpark", der vor dem Stadttor entstehen soll, die verdichtete Urbanität von La Défense vermissen läßt.Dagegen war besonders dem Investor daran gelegen, markante Sichtachsen herzustellen, besonders zum Fernsehturm.Für diesen Zweck mußte im letzten Jahr das von Bernhard Pfau 1967 errichtete Studienhaus weichen.Obgleich es zu den markantesten Zeugnissen der hiesigen Nachkriegsarchitektur gehörte, ließ man es über viele Jahre hin verkommen, bis sich niemand mehr über den Abriß mokierte.Ein "Thyssen-Hochhaus der 90er", so der Werbeslogan, würde schnell den Verlust vergessen machen und zugleich Helmut Hentrichs Original, sein schlankes Dreischeibenhaus für den Düsseldorfer Stahlkonzern, übertreffen.Mit seinen 20 Geschossen und seiner Höhe von 75 Metern überragt es zwar eindeutig das Thyssenhaus, erreicht aber keinesfalls seine architektonische Eleganz.Das Stadttor ist ein Klotz, und weder die rhomboide Grundrißfigur noch die High-Tech-Architektur können seine Monumentalität vergessen machen.

Dabei geraten die Bauingenieure bei der Technologie des Gebäudes in schiere Begeisterungsstürme."Doppelschalige Glasfassade" heißt das Zauberwort.Für diese innovative Maßnahme hat man sich entschieden, weil die Wettbewerbsbedingungen ein Niedrigenergiehaus vorsahen, das die Verwendung reproduzierbarer Primärenergien, die Nutzung von Tageslicht sowie natürliche Be- und Entlüftung verlangte.Mit der doppelschaligen Fassade scheint man das Ei des Kolumbus gefunden zu haben.Tatsächlich hat das Stadttor Modellcharakter, bedenkt man, daß in ihm ökologische Prinzipien angewendet wurden, die auf eine Klimatisierung ohne Klimaanlage und auf eine Wärmedämmung ohne Dämmaterialien hinauslaufen.Die eigentliche technische Neuerung wurde an den zwei Bürotürme durchgeführt, die in den oberen Geschossen durch eine Konstruktionsebene verbunden sind.Hier wurde eine segmentierte Doppelverglasung gewählt deren holzgerahmte, isolierverglaste Fensterelemente nach Belieben geöffnet werden können.Der technische Clou besteht aber im Zwischenraum der doppelschalien Fassade.Während der Benutzer auf den Korridor zwischen Innen- und Außenwand tritt, regeln unter seinen Füßen elektronisch steuerbare Lüftungskästen die Klimaverhältnisse.Durch einen Lamellenschutz wird zudem erreicht, daß erwärmte Luft über die Lüftungskästen abgeführt wird.Berechnungen haben ergeben, daß die doppelschalige im Vergleich zur einfachen Verglasung zur Halbierung der Stromkosten führt.Zudem bringt diese neuartige Wärmedämmung eine Optimierung des Schallschutzes mit sich, der notwendig wurde, weil das Stadttor über dem Endstück der Rheinufertunnels errichtet wurde.Das große Ziel, die Vision eines Gebäudes für das nächste Jahrtausend, wurde vertan.Mit schierer Größe und High-Tech-Architektur sind diese Aufgaben nicht zu lösen.Sie führen am ehesten in die banalste Repräsentationsarchitektur, die in neureichen Düsseldorf so manchen Blick verstellt.

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