Kultur : Über den Jordan

KUNST

Michael Zajonz

Dass Kunst sexy ist, ahnten wir bereits vor der jüngsten Schlagzeile eines bekannten Stadtmagazins. Doch Attraktivität ist nicht alles. Seit der Entdeckung des Individuums zieht sich der Konflikt zwischen betonter Diesseitigkeit und irdischer Begrenztheit wie ein roter Faden durch die abendländische Kunst. Pralle Lippen und Gevatter Tod – das sind die zwei Seiten einer Medaille, die erst das Zeitalter der Biotechnologie umzuprägen gedenkt.

Die Berliner Nationalgalerie besitzt neben der „Toteninsel“ ein zweites populäres Hauptwerk Arnold Böcklins . Eine Kabinettausstellung um das 1872 entstandene „Selbstbildnis mit fiedelndem Tod“ (Alte Nationalgalerie, bis 9. März 2003) zeigt, wie kongenial der in Basel geborene Künstler die durch einen Landsmann Hans Holbeind.J. überstrahlte Totentanz-Metaphorik des ausgehenden Mittelalters in den Geniekult des 19. Jahrhunderts zu übersetzen verstand. Wie in vergleichbaren Darstellungen Holbeins grinst der skelettierte Tod dem Porträtierten über die Schulter – hier spielt er auf der letzten tief tönenden G-Saite einer Geige auf. Irritierend ist allerdings die Reaktion des Malers, der im Jahr zuvor eine sichere Professorenstelle aufgegeben hatte: kein Erschrecken, sondern konzentriertes Innehalten. Mehr noch als in der Ausstellung bilanziert Kustodin Angelika Wesenberg im vorzüglichen Begleitbuch (Nationalgalerie der Ideen, Band 4, 8 Euro) den gedanklichen Horizont aus Romantiker-Lektüre und Lebensphilosophie, der Böcklin zur Darstellung seiner Inspiration durch letzte Dinge gebracht hat. Melancholisch und mutig tritt er dem Tod, der Zeit und sich selbst gegenüber. Wenn das keinen Sexappeal hat.

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