Kultur : Über den Wipfeln

Silvia Hallensleben

In der Popmusik nennt man es One Hit Wonder. Auch in der Filmgeschichte gibt es Regisseure, deren Ruhm auf einen einzigen Film gegründet ist – auch wenn ihr Schaffen die Beschränkung nicht rechtfertigt. So ist auch Silvio Soldini vor allem durch die späte Liebesgeschichte „Brot und Tulpen“ (2001) bekannt und auch in Deutschland erfolgreich geworden. Der Erfolg war sicherlich auch Bruno Ganz und seinem Schweizer Schmelz zu verdanken. Soldinis folgende Filme gaben nur kurze Gastspiele in deutschen Kinos, obwohl die surrealistische Liebeskomödie „Agata et la tempesta“ mit Ganz’ vormaliger Filmpartnerin Licia Maglietta deutlich in die Fußstapfen von „Brot und Tulpen“ tritt (Norman Jewison bereitet gerade dessen Hollywood-Remake vor). „Agata und der Sturm“ kommt gemeinsam mit sechs anderen Filmen des Regisseurs jetzt noch einmal in einem Regieporträt zur Ansicht, das das italienische Kulturinstitut im Filmkunst 66 vorstellt. Eröffnet wird die Reihe morgen in Anwesenheit des Regisseurs mit „Le Acrobate“ (1987), der Filmreise zweier ungleicher Freundinnen, die auf piemontesischen Berggipfeln endet.

Der 1958 in Mailand geborene Italo-Schweizer Soldini hat sein Filmhandwerk in New York erlernt. Dort begann auch eines der verrücktesten Kooperationsprojekte der Filmgeschichte, für das Sergej Eisenstein 1930 von Hollywood nach Mexiko reiste, um dort als Sowjetbürger mit amerikanischem Geld einen Film über das ihm unbekannte Land zu drehen. Eisenstein, Ko-Regisseur Grigori Alexandrov und Kameramann Eduard Tissé verfallen dem exotischen Ambiente sofort und lassen sich filmisch von der indigenen Volkskultur infizieren. Doch auch in umgekehrte Richtung gibt es Interferenzen: Als Eisenstein im Mai 1932 allein nach Moskau zurückreist, ist Que Viva Mexico! nicht fertig, das Material landet bei der MGM. 1979 hat Alexandrov noch einmal eine Fassung zusammengestellt, die dem von Eisenstein Intendierten einigermaßen nahe kommt und diese Woche im Kino Krokodil zu sehen ist. Wie so oft war ein Grund für das Scheitern des Filmprojektes auch die Diskrepanz zwischen Eisensteins künstlerischen Absichten und den Erwartungen seiner amerikanischen Geldgeber.

Schöner Vorteil der digitalen Revolution der achtziger Jahre: Sie macht ökonomisch unabhängig und künstlerisch frei. Ein von so genannten Videoaktivistinnen verantwortetes Forum unabhängigen sozial-politischen Filmschaffens bietet seit sechs Jahren die Globale , die gestern Abend im Acud und Central-Kino begonnen hat. Raus aus dem Kino, rein in die Debatte, ist die Devise – und so gibt es Mittwoch bis Freitag auch eine im öffentlichen Straßenraum wandernde Filmvorführung als neue Form des Cinéma Vérité: Der Film dazu ist mit Peter Watkins’ revolutionärer Historien-Reinszenierung La Commune (Paris 1871) aus dem Jahr 2000 vielleicht nicht gerade massenwirksam, aber klug gewählt.

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