Kultur : Über die Alpen

KULTURGESCHICHTE

Jörg Königsdorf

Die elf Notenblätter künden von einer harmonischen Künstlerehe: Jeder der elf kurzen Kompositionen, die Fanny Mendelssohn 1839/40 in ihrem „Reisealbum“ versammelte, stellte ihr Gemahl, der preußische Hofmaler Wilhelm von Hensel, eine kleine Bleistiftzeichnung als Vignette voran. Mal ist es eine bewegte Gondelszene, die eine Barcarolle ankündigt, mal wird ein Capriccio durch einen plätschernden Brunnen im Garten der Villa Medici eingeleitet. Vor drei Jahren konnte das Berliner Mendelssohn-Archiv das kostbare Notenbüchlein erwerben, jetzt steht es im Mittelpunkt einer kleinen Ausstellung in der Staatsbibliothek (bis 18. Januar), die sich der Italiensehnsucht der Familie Mendelssohn widmet. Wie für alle gebildeten Familien Deutschlands bildete auch für die Mendelssohns das Land Raffaels und Michelangelos den Zielpunkt bildungsbürgerlicher Sehnsucht: Wer es sich leisten konnte, musste den Markusplatz, die Florentiner Domkuppel und die Sixtina mit eigenen Augen gesehen und seine Reiseeindrücke am besten in geschriebener, gemalter oder komponierter Form haben.

Während Fanny sich aufs Komponieren beschränkte und sich die Bilder von ihrem Mann zuliefern ließ, griff ihr Bruder Felix zu Bleistift und Aquarellkasten: Seine Italienansichten bilden neben den Albumblättern Fannys und den Blättern, die ihr befreundete Künstler, darunter sogar eine Zeichnung des französischen Klassizistenkönigs Jean-Auguste-Dominique Ingres, schenkten, den zweiten optischen Fixpunkt. Mendelssohn blieb als Maler zwar Dilettant, doch in der Ausstellung steht ohnehin der kulturgeschichtliche Aspekt im Vordergrund.

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