Kultur : Über die Grenze - zu sehen im Kino Balazs

Doris Meierhenrich

In gerader Linie fährt die Kamera dicht über einen Acker, hält kurz, als zwei Hände mit wenigen Hieben einen Pflock in den Lehmboden hineinhauen und treibt weiter zum nächsten Pflockeinschlag. Einen unsichtbaren Faden spannt die Kamera über die Erde; sie vermisst nicht, sie zerteilt. Sie zieht eine willkürliche Grenze durch das Land, und unsere Augen müssen das hinnehmen, denn kein Raum ist sichtbar, keine Landschaft, kein Maßstab. Und wie den Zuschauern geht es auch den Helden in diesem Debütfilm des russischen Regisseurs Pjotr Luzik: Sie müssen die fremden Grenzmarkierungen hinnehmen, obwohl es ihr Land ist, das da abgesteckt wird. Irgendjemand hat es verkauft an eine große Ölbohrfirma, und nun hetzen scharfe Hunde darüber, um die Bauern zu vertreiben.

"Okraina" - "Randbezirk" heißt der Film. Doch ein Randbezirk ist dieses Grenzgebiet, um das Luzik seine Bauern kämpfen lässt, eigentlich nicht, denn es liegt im Ural: zwar am Rande Europas, aber mitten im Herzen Russlands. Ein kompliziertes Spiel zwischen Begrenzung und Grenzüberschreitung entspinnt Luzik hier; ein Ineinandergreifen von Rand und Mitte - nicht nur geografisch. Auch die Menschlichkeit wird zum Zentrum zweier Außenbezirke: einer paradiesischen Brüderlichkeit und der Barbarei. Und das ist das Verstörende, das Fesselnde dieses Films: Aus den Gesichtern der vier Bauern, die ausziehen, ihr Land aus den Händen der Ausbeuter zurück zu fordern, aus den großen, naiven Augen des Bauernjungen Panja, dem faltendurchfurchten Gesicht Polujanows und dem milden, gerechten Lächeln Sofronows spricht Menschlichkeit und Animalität zugleich. Alle sind bereit, die gute Sache bis über die Grenze des Todes hinaus zu verfolgen. Auf ihrem Weg nach Moskau, ins Zentrum der Macht, verschmelzen die vier zu einer sektiererischen Gemeinschaft von Grenzgängern zwischen Tod und fanatischer Rache. In der eisigen Steppe kauern sie sich zusammen: jeder Körper ein Baustein für eine Welt, in der sie nur gemeinsam überleben können. Und in der nichts anderes gilt als ihr Recht.

Ein in jeder Minute doppelbödiges Licht- und Schattenspiel entwirft Pjotr Luzik, ein Gedicht in Schwarz-weiß. Fast jede Einstellung steht für sich, ist nicht zwingend eingebunden in eine visuelle Syntax; zwischen jedem Bild ein Zeilensprung. Und wie jedes Gedicht hat auch dieser Film eine ebenso zeitenthoben allegorische wie historisierende Kraft. Wenn die vier Bauern auf einem Motorrad mit Beiwagen hocken, um nach Moskau zu kommen, fahren sie nicht durch eine Landschaft, sondern fliegen scheinbar durch Nebel. Jeder Russe kennt dieses Bild: Männer auf dem Transporter, als Ikone der Revolution. Die offensichtliche Kulissenwelt macht dieses Roadmovie durch die Geschichte und Filmgeschichte Russlands nur noch kunsthafter.

Die langen Einstellungen von den Gesichtern, die Schatten der Bauern, die drohend über einem der aufgespürten Land-Verschacherer an der Wand erscheinen, erinnern an die intrigierenden Bojaren am Hofe Iwans des Schrecklichen und an die mächtige Schattengestalt des Zaren, wie Sergej Eisenstein sie an die Wände des Kreml projizierte. Und wenn durch einen Fernseher afrikanische Ritualtänze im Bild erscheinen, während einer der Bauern einen der Landverkäufer zu Tode schlägt, wenn sich die TV-Jagdgesänge mit den Kampfschreien aus dem Keller vermischen, dann tauchen im kinematografischen Gedächtnis die Affenmasken neben den Gesichtern der Provisorischen Regierung im Petersburger Winterpalast auf, mit denen Eisenstein der Oktoberrevolution auf ewig seine Bilder aufzwängte.

Kalt, zynisch führt Luzik diese Meilensteine der (Film-)Geschichte vor, führt sie direkt hinein in ihr deklariertes Ziel: ein Paradies, in dem Bestialität von Gerechtigkeit nicht zu unterscheiden ist.

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