Kultur : Über die Höhen und Tiefen der deutschen "Staatsbahn"

Jörn Hasselmann

Eisenbahnbücher gibt es zu Tausenden, ein solches gab es bislang nicht. Nicht eine Lok, ein Waggon oder eine Strecke werden beschrieben, sondern "Die Eisenbahn in Deutschland" als solche; von den Höhen als Motor der Industrialisierung bis zu den Tiefen als willfähriges Transportunternehmen, das sich tief in den NS-Massenmord verstrickte und nach Fahrplan Juden ins KZ schaffte. Die acht Wissenschaftler schlagen in den acht Kapiteln allerdings nicht den Bogen, den der Titel verspricht. Denn im Mittelpunkt der knapp 500 Seiten steht die "Staatsbahn", stehen also die Jahrzehnte, in denen die Bahn in der Verfügungsgewalt des Staates war. Nicht-Eisenbahnfans lernen als Erstes, dass die Länderbahnen sich nicht schon 1870 zusammenschlossen, sondern erst 1919 "verreichlicht" wurden, wie das damals hieß. Es folgten die wilden Zwanziger, als die Politik noch die "Zusammenarbeit der Verkehrsmittel", sprich des größten Unternehmens, das es im Reich gab, mit Lkw und Pkw propagierte. Die rasante Entwicklung im 19. Jahrhundert, als das Dampfross noch das Monopol hatte, werden recht knapp abgehandelt. Die Privatisierung der Bundesbahn 1994 wird auch erläutert.

In Auftrag gegeben wurde das Buch über die Staatsbahn von einer Aktiengesellschaft - der Deutschen Bahn AG. Das fällt im letzten Kapitel ein wenig auf, wenn die Chefs des Unternehmens in Farbfotos präsentiert werden; das mit 48 Mark günstige Buch ist schließlich nicht für "Pufferküsser" gedacht. Bahnfans jedoch, die den Blick auf ihr Hobby weiten wollen, lernen einiges dazu. Die Autoren, allesamt renommierte Wissenschaftler, haben nicht aus dem vorhandenen, überreichlichen Fundus an Bahnliteratur abgeschrieben, sondern viele Quellen und Archive erstmals ausgewertet.Lothar Gall, Manfred Pohl: Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1999. 496 Seiten. 48 DM

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben