Kultur : Über die Phantome der Opern

Jörg Königsdorf

In jenen fernen Tagen, als die Menschen noch an das Walten übernatürlicher Kräfte im Alltag glaubten, hätte man für die Misere an der Deutschen Oper vermutlich eine ganz einfache Erklärung gehabt: Ein Fluch muss es sein, der seit Beginn dieser Saison dort gar nichts mehr gelingen lässt. Kaum sitzt das Orchester wieder einigermaßen vollzählig im Graben, sagen jetzt die Solisten ab, die eigentlich wieder Publikum in die Bismarckstrasse locken sollten. Die Vorstellungen von Götz Friedrichs mäßig inspirierter "Bohème"-Inszenierung im letzten Januar waren vor allem durch den Rodolfo von Roberto Aronica zum Ereignis geworden - da hatte sich ein heisser Kandidat für die Pavarotti-Nachfolge angekündigt. Seine Absage für die beiden "Bohème"-Vorstellungen am 23. und 26. enttäuscht alle Tenorophilen, die nun auf das Hausdebüts des Ersatz-Rodolfo Mario Carrara hoffen müssen. Immerhin schaltet die Absage Aronicas die andere mögliche Erklärung für die Pechsträhne der deutschen Oper aus: Das von Gaston Leroux beschriebene gesangsfanatische Opern-Phantom spukt nicht in Götz Friedrichs Waschbeton-Burg herum - denn das liebt gute Sänger und hätte im Übrigen sonst wohl schon längst seinen Zorn über anderen Vorstellungen des Hauses entladen.

Noch stärker als die Absage Aronicas trifft das Haus der zweite Starausfall der kommenden Woche: Mit Spannung war das Auftreten von Cheryl Studer in Götz Friedrichs (ebenfalls nicht gerade überragender) Inszenierung des "Fliegenden Holländer" erwartet worden - vor allem nach ihrem strahlenden Bayreuth-Auftritt im vergangenen Sommer (auch als Senta), mit dem die Starsopranistin ihren durch den Rauswurf aus der Bayerischen Staatsoper angekratzten Ruf wieder aufpolieren konnte. Statt der Studer wird Gabriele Lechner die Vorstellung am 27. 10. singen.

Bislang hat der Absage-Fluch allein die "Tosca"-Vorstellung am 24. 10. verschont, vermutlich dem Scarpia Lado Ataneli zu Liebe. Denn mit der Verpflichtung des georgischen Baritons als Ensemblemitglied ist der Deutschen Oper in dieser Spielzeit tatsächlich ein Coup gelungen: Der Gewinner etlicher Gesangswettbewerbe ist ein erste Klasse als Verdi- und Verismo-Sänger, das haben längst auch Häuser wie die Mailänder Scala oder Londons Covent Garden erkannt.

An den anderen Berliner Opernhäusern ist es dagegen im Moment geradezu verdächtig ruhig: An der Staatsoper wird eifrig an der nächten Premiere, Bellinis "Norma" herumgeprobt und der Spielbetrieb mit bewährtem Repertoire fortgeführt: Stéphane Braunschweigs modernistisch dekorative "Fidelio"-Inszenierung am 24. 10. und der nicht totzukriegende Berghaus/Freyer "Barbier" von 1968 am 22. und 28.10.. Selbst an der Komischen Oper gibt es nicht ein Mal die ansonsten üblichen Vorstellungsänderungen, wenn nicht in letzter Minute irgend jemand krank wird, können sogar die beiden technisch hyperkomplizierten Vorstellungen von harry Kupfers "Don Giovanni"-Inszenierung am 26. und 27. 10. stattfinden. Wie sehr nicht nur die Deutsche, sondern auch die Komische Oper in der Endphase der Friedrich/Kupfer-Ära künstlerisch stagnieren, zeigt der Blick auf den Spielplan: Hier wie da stehen fast nur Regiearbeiten der Hausherrn auf dem Programm, an der Komischen Oper sogar ausschließlich: Nachdem die zweite Hausregisseurin Christine Mielitz nach Meiningen ins thüringische Exil abgewandert ist, sind prompt ein Großteil ihrer Inszenierungen aus dem Repertoire gekippt worden -gebleiben ist purer Kupfer. Und bei fünf verschiedene Inszenierungen des Meisters in einer Woche hat vermutlich selbst der hartnäckigste Fan genug.

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