Über die Zukunft der Oper : Schnitte im Sekundentakt

Peter Gelb, Manager der New Yorker Met, über die Zukunft der Oper und Live-Übertragungen im Kino.

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Bühne oder Leinwand? Das Opernpublikum soll jünger werden, auch in der Met. Foto: AFP
Bühne oder Leinwand? Das Opernpublikum soll jünger werden, auch in der Met. Foto: AFPFoto: AFP

Ist er ein Retter oder ein Totengräber? Und lassen sich die Interessen eines Opernpublikums überhaupt mit denen der Kinogänger vereinbaren? Peter Gelb, der Generalmanager der Metropolitan Opera in New York, ist mit dem Argwohn, der seinem Vorzeigeprojekt „The Met: Live in HD“ entgegenschlägt, vertraut. Er weiß aber auch, dass diese Übertragungen ausgewählter Aufführungen in 1900 Kinos rund um die Erde ein Hit sind – und eine beispiellose Wachstumsnische in der Welt des Musiktheaters, die ansonsten mit rückläufigen Besucherzahlen und Überalterung zu kämpfen hat. Drei Millionen zahlende Zuschauer erreicht er mit zwölf Live-Events im Kino in der laufenden Saison: vier Mal so viele wie mit rund 240 Aufführungen im Opernhaus im ganzen Jahr; und neun Mal so viele wie in der ersten HD-Saison 2006/2007.

Der Kritik begegnet der 59-Jährige auf die sanfte Art. Er stellt das harte Entweder-Oder in Zweifel, das den misstrauischen Fragen klassischer Opernfans häufig zugrunde liegt. Opern im Kino seien keine tödliche Konkurrenz für die traditionelle Vorstellung, sagt er zum Beispiel. So unterschiedlich seien die Bedürfnisse der Gäste in der Oper und im Kino auch gar nicht. Dabei lehnt er sich in der Polstergarnitur in seinem großzügigen Büro hinter dem Bühneneingang in einer Seitenstraße des Broadways zurück, das mit modernen Gemälden und einer Phalanx hoher Zimmerpalmen geschmückt ist. Er versichert, dass er bei der Besetzung der Rollen stets künstlerischen Belangen den Vorrang gebe und sich noch nie nach dem Aussehen der Stars gerichtet habe. „Wir tun nicht so, als produzierten wir einen Film. Wir übertragen eine Opernaufführung – und zwar live.“ Das sei das Entscheidende. „Die Dramatik und die Anspannung der Akteure sind zu sehen, wie bei einem Matador im Stierkampf.“

Auf Nachfragen reagiert er werbend- konziliant. Spielt das äußere Bild wirklich keine Rolle, gerade wenn man ein neues Publikum für die Oper gewinnen möchte? Kann eine ältere korpulente Sängerin auf der Kinoleinwand glaubwürdig die attraktive junge Liebhaberin verkörpern? Die Anforderungen an moderne Opernsänger seien gestiegen, sagt Gelb. Sie müssen „dramaturgisch überzeugen“. Das habe aber nicht speziell mit den Kinoübertragungen zu tun, sondern mit den „generellen ästhetischen Erwartungen heutzutage“. Die „Kunstform Oper verändert sich“. Sänger müssen „nicht wie Werbemodelle aussehen“, aber „ihre Rolle glaubwürdig verkörpern“.

Mit einem Schmunzeln gibt er zu, dass er ein bisschen nachhelfe, um die Verjüngung des Publikums zu unterstützen. Die Filmregisseure, die die Live-Kinofassung schneiden, habe er gebeten, beim Schwenk ins Publikum junge Leute zu zeigen, um dem Vorurteil entgegenzuwirken, das sei eine Kunstform für alte Leute. Als er kam, sei das Durchschnittsalter der Zuschauer jedes Jahr um ein Jahr gestiegen. In New York habe sich dieser Trend gewendet. „Wir können doch nicht still da sitzen und zusehen, wie die Oper ausstirbt.“

Seit 2006 managt Gelb die Met. Davor leitete er die Abteilung für klassische Musik bei Sony und trieb das Geschäft mit „Crossovers“ zwischen Klassik und Pop voran, auch bei Musikvideos. Unter ihm wurde das Video mit der Filmmusik zu „Titanic“ aufgenommen, das meistverkaufte seiner Art. Wer ihn bei der Arbeit beobachtet und nach Anhaltspunkten für die These sucht, die HD-Serie sei seinem Herzen näher als der klassische Opernbetrieb, wird sie mühelos finden. An einem Samstag, an dem die Matineevorstellung in Kinosäle weltweit übertragen wird, sitzt er die meiste Zeit im sogenannten „Truck“: einem mit Digitaltechnik voll gestopften Lkw auf der Rückseite der Met, in dem die Bilder, die dreizehn Kameras vom Bühnengeschehen liefern, nach einem ausgeklügelten Drehbuch für die Sehgewohnheiten im Kino zusammengeschnitten werden. Alle paar Sekunden wechseln die Einstellungen, von der Totale zur Nahaufnahme, vom Schwenk in den Orchestergraben zum Zoom in die Gesichter der Hauptdarsteller.

Die herausragenden Musikkritiker haben Gelb nicht gerade mit Lob überschüttet. „Die Saison 2011/2012 gehört zu den künstlerisch erfolglosesten in der jüngeren Geschichte“, schrieb Alex Ross kürzlich in „The New Yorker“ unter Verweis auf „Unsummen von Geld und Arbeit, die in das Schwarze Loch von Robert Lepages Produktion von Wagners ,Ring‘ flossen“. Die laufende Saison sei ein bisschen besser. Kein Stück sei ein Triumph, aber von Fiasko könne auch keine Rede sein. Ross nimmt Gelb jedoch vor der Hauptbeschwerde des Opernpublikums in Schutz. Es stimme zwar, dass seine Produktionen im Kino mehr Erfolg gehabt hätten als im Stammhaus. Aber es gebe keinen Beleg dafür, dass Gelb die Interessen des Kinopublikums bewusst über die der klassischen Opernfans stelle.

Gelb vergleicht seine HD-Übertragungen mit Sport im Fernsehen. Damit wolle man ja auch nicht die Fußball-, Hockey- oder Basketballfans aus den Stadien vertreiben, sondern „die emotionale Bindung verstärken“. Sein Ziel sei es jedenfalls nicht, die langsam sinkende Zahl von Opernbesuchen durch eine Vielzahl von Kinozuschauern zu ersetzen, sondern der Kunstform neues Leben einzuhauchen.

Ein Modell für Opernhäuser anderswo auf der Welt? Gelb lacht. „Wir wollen gar nicht, dass andere uns nachahmen.“ Die Met hatte drei entscheidende Vorteile. Es gab bereits seit Jahrzehnten die Radioübertragung von Aufführungen und damit ein potenzielles Millionenpublikum. Dank ihrer Finanzkraft fällt es der Met leichter, große Stars zu präsentieren, die dann auch ein weltweites Kinopublikum anziehen. Und sie konnte die beträchtlichen Anlaufkosten verkraften. In dieser Saison macht die Met mit ihrer HD-Serie elf Millionen Dollar Gewinn – dank ihres Anteils an den Kinokarten und weil sie neue Sponsoren gewonnen hat, die weitere Millionen einbringen. Gemessen am Jahresetat der Met von 321 Millionen Dollar sind das keine großen Summen. Sie tragen aber dazu bei, dass sie nach Jahren mit Millionendefiziten wieder einen Überschuss erzielt. Christoph von Marschall

Nächste Live-Übertragung aus der Met in Berlin: Donizettis „Maria Stuarda“ mit Joyce DiDonato am 19. Januar, 19 Uhr, im Event Cinema Berlin im Sony-Center

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