Kultur : Über schöne und schrullige Interpreten

Kann es tatsächlich sein, dass gutaussehende junge Französinnen besser Klavier spielen können als andere Menschen? Und wenn ja, liegt es daran, dass sie begabter geboren werden oder dass sich ihre Professoren einfach mehr um die Mädels kümmern? Fest steht jedenfalls, dass die Franzosen stark überproportional in die interpretatorische Übermittlungskraft 15- bis 25jähriger Mädchen vertrauen. Die erfolgreichste von ihnen ist Hélène Grimaud. Inzwischen ist sie freilich altersgerecht vom Backfisch zur (sehr attraktiven) Trendfrau mutiert - und regelmäßig Gast auch in Berlin.

Seit je galt die Grimaud vor allem als Interpretin romantischer Klaviermusik - so wie die Mädchen in den Pariser Metros hauptsächlich dickleibige Romane des 19. Jahrhunderts lesen (wenn man den französischen Filmen glauben will). Schon ihre erste CD wurde damit beworben, dass die 15-jährige den gesamten Tolstoi gelesen habe. Leseratte Hélène wird so wohl auch Jean Paul und E.T.A. Hoffmann schon längst internalisiert haben, die idealen literarischen Einstimmungen für das Schumann-Klavierkonzert, das sie mit den Göteborger Sinfonikern in der Philharmonie spielt (3. 11.).

Gut Klavierspielen können reicht also nicht, auch um ein Klassikstar zu werden, muss man auch toll aussehen - oder wenigstens ein Typ sein, dem die Leute das Besondere, Aussergewöhnliche abnehmen. Einer wie Olli Mustonen: sein brillant-exzentrisches Klavierspiel sorgt jedes Mal für Kontroversen. Selbst diejenigen, die sich über Mustonens Dauer-Staccato und seine Mikroskoptechnik des Heraushebens von Kompositionsdetails ärgern, sind jedes Mal wieder zugegen, um sich erneut aufzuregen (Sind das nicht letzten Endes sogar die ehrlichsten Fans?). Sicher auch bei seinem zweiten Philharmoniker-Auftritt in diesem Jahr, bei dem er mit Nikolaus Harnoncourt, einem anderen großen Querdenker, Beethovens 3. Klavierkonzert gegen den Strich bürsten wird (Philharmonie, 4. - 7. 11.).

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