Kultur : Über sieben Krücken

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Thomas Migge schildert ein ganz

besonderes venezianisches Problem

Schade. Sehr schade. Daran hätte er denken müssen. Inzwischen hat man doch sogar in Italien begriffen, dass Bürgersteige und Museen, UBahn-Eingänge und Regierungsgebäude mit Rampen für Rollstuhlfahrer ausgestattet werden müssen. Wie also konnte es geschehen, dass eine Stadtverwaltung ihre behinderten Mitbürger und Besucher vergisst? Ein Unding. Ein Fauxpas?

Durchaus nicht. Der Brückenfall von Venedig sorgt deshalb in ganz Italien für böses Blut. „Dann sollen die doch eine andere Brücke benutzen, es gibt ja genug“, provoziert die Architekturkritikerin Carla Varone. Ihre radikale Position wird von etlichen Intellektuellen und Kunstschaffenden geteilt. Was den Streit zusätzlich anheizt, geht es doch um ein hochkarätiges Projekt: einen Bogen aus Glas und Stahl, den der spanische Star-Architekt Santiago Calatrava über den Canal Grande spannen möchte. Und zwar in der Nähe des Hauptbahnhofs Santa Lucia, dort, wo der Hauptwasserweg der Lagunenstadt etwas breiter wird und für die vielen Besucher dringend eine neue Brücke benötigt wird. Die Gelder stehen bereit, Calatrava will bald mit den Bauarbeiten beginnen.

Venedigs Stadtväter wollen mit der Brücke ein Zeichen setzen für die moderne Architektur. Zu Kompromissen sind sie so wenig bereit wie Calatrava: Auf den Vorschlag, dem Bau eine Behindertenrampe hinzuzufügen, soll er sehr gereizt reagiert haben. Es handele sich um Kunst – und basta! Calatrava besteht auf Stufen. Stufen, die nicht nur ungemein ästhetisch wirken, sondern ohnehin Venedigs Markenzeichen sind. La Serenissima, die Stadt der Brücken, Treppen und Kanalufer ohne Geländer. Eine Jahrhunderte alte Tradition. Nun hat sich auch das Kulturministerium eingeschaltet. Wie das Gesundheitsministerium fordert es eine Revision von Calatravas Projekt. Doch Venedig schweigt. Und die Gondoliere hoffen, dass die Brücke gebaut wird. Denn dann wollen sie für Gehbehinderte preisgünstige Fahrten zum anderen Ufer anbieten. Vielleicht kennt ja der Himmel die Lösung des Problems: Weil es sich um den behindertenungerechtesten Ort der Welt handeln dürfte, muss die Lagunenstadt eines Tages untergehen. Basta.

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