Kultur : Über uns der Himmel

Cecilia Bartoli singt Händel in der Philharmonie

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Das Rad der Windmaschine dreht sich fauchend, das Donnerblech grollt, die Geigen suchen wispernd nach Deckung. Hier kündigt sich der Auftritt einer zürnenden Königin aus dem Opernreich des Georg Friedrich Händel an. Eine jener Herrscherinnen, die, von der Liebe heimgesucht, alles zu verlieren glauben, was bislang ihre Kraft ausmachte: Zauber, Macht, Freiheit. Und die im Furor ihrer Leidenschaft grenzenlos grausam und erschreckend zerbrechlich sind. Als sich die Bühnentür öffnet und Cecilia Bartoli in giftgrüner Robe auf das Podium wallt, flutet eine Welle der Begeisterung die Philharmonie. So warm, dass die römische Mezzosopranistin nur unter Mühen in jenen Schreckenstaumel findet, in dem sie die Furien als ihre Begleitung heraufbeschwört. Die furchterregenden Fackeln, nach denen die verschmähte Armida verlangt, drohen im Scheinwerferlicht zu verlöschen.

Dieser Auftakt ihres Händel-Abends kostet Cecilia Bartoli Kraft. Sie muss hinabsteigen in Regionen, in denen ihre ohnehin nicht große Stimme noch mehr Resonanzen suggerieren muss. Und einen kleinen Augenblick lang wirkt es nicht zwingend so, dass es die unglückliche Liebe ist, die ihr die Kehle zudrückt. Doch La Bartoli ist eine Entfesselungskünstlerin, die ihre Stimme stets vor den Zudringlichkeiten von Plattenfirmen und Agenten zu schützen wusste, die sie als Megastar der Klassik auf sich zieht. Doch während sie bei ihrer vergangenen Tournee, auf der sie ihr mit fünf Grammys ausgezeichnetes Kastratenalbum „Sacrificium“ vorstellte, von einer bezwingenden Dramaturgie getragen wurde, scheint sie vor Händel immer wieder beinahe ungeschützt dazustehen – auch nach über 20 gefeierten Jahren auf der Bühne.

Diese Verletzlichkeit ist es, mit der sie die Arien in unvergleichlich erfüllte Zeit verwandelt. Jene Momente, in denen das Lärmen der Welt verstummt und die eigene Existenz erfüllt ist vom Schlagen des Herzens und einem Blick in den Sternenhimmel, der sich still über unser Schicksal wölbt. Wer bislang damit haderte, dass Händel in seinen Opern ganz auf diese einsame Drehung um die eigene Achse vertraute, auf die schwerelose Kunst seiner Da-capo-Arien, wird vor Staunen demütig. Cecilia Bartoli senkt ihre Stimme, und der Raum weitet sich. So sehr, dass man sich in ihm verirren kann. Aus „Ah, mio cor“, jener Liebesklage der Zauberin Alcina, deren Herz heillos zwischen Leid und Vergeltung zuckt, findet die Bartoli nur sichtlich angegriffen wieder heraus. Nichts erinnert da mehr an die Koketterie, die sie sonst so entwaffnend einzusetzen vermag.

Dass sie sich mit Musikern umgibt, die den Druck nicht noch weiter erhöhen, kann man Cecilia Bartoli nachsehen. La Scintilla, das Alte-Musik-Ensemble der Oper Zürich, ist ein geschmeidiger, hingebungsvoll dienender Bühnenpartner. Er trägt Bartolis mezza voce bis ans Ende der Welt. Ulrich Amling

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