Kultur : Überall herrscht Kasachstan

Einer der kühnsten und grausamsten Eroberer der Weltgeschichte: Nun ist neuer Streit entbrannt um Dschingis Khan

Elke Windisch

„Sie waren so zahlreich wie die Sandkörner, die die Hufe ihrer Pferde aufwirbelten. Die Sonne ward schwarz gegen Mittag, und die Erde bebte. Sie mähten nieder, wer immer sich ihnen in den Weg stellte: Greise und Kinder, hoch und niedrig...“ So schildert eine Chronik aus dem 13. Jahrhundert die Eroberung des Khanats Choresmien, einer Region im Westen der heutigen Republik Usbekistan. An der Spitze der Reiterarmee trabte ein Mann, der zu den abenteuerlichsten, meist gefürchteten Männern der Geschichte gehört und um dessen Herkunft und Identität es nun erneut Streit gibt: Dschingis Khan.

Neben der Mongolei, deren rote Parteiführung ihm zum Ärger der Moskauer Paten Anfang der Sechziger Jahre nahe der Stadt Dadal im Hentti-Gebirge ein beeindruckendes Denkmal setzte, versucht zunehmend auch China, die „sengende Sonne Satans“, wie Dschingis sich selbst nannte, für die eigene Geschichte zu vereinnahmen. Und zum dritten behaupten neuerdings die Kasachen nicht minder überzeugt: Er war einer von uns!

Ein Mann, ein Mythos. Während er den von ihm Unterworfenen als „Geißel Gottes“ galt, erklärte die Unesco ihn zum größten Heerführer der letzten zwei Jahrtausende. Bewunderer feierten und feiern ihn als Visionär, der den Erdkreis durch die pax mongolica einen – und damit auch die Ursachen von Kriegen für immer beseitigen wollte. Diesem Ziel kam Dschingis Khan immerhin näher als jeder andere Eroberer vor und nach ihm. Mit der Einnahme Chinas stieß er vor zur östlichen Grenze der damals bekannten Welt, sein Enkel Batu kam auf der Suche nach dem letzten Meer im Westen sogar bis nach Liegnitz in Schlesien. Die Schlachtordnung der Mongolen war strategisch so ingeniös und erfolgreich, dass die osmanischen Türken sie später übernahmen, um für mehrere Jahrhunderte zur europäischen Supermacht aufzusteigen.

Zum Stehen kam Dschingis Khan im 13. Jahrhundert nicht etwa durch die Ritterschaften des zerstrittenen Abendlandes, sondern durch die Nachricht von Kämpfen der Dschingis-Söhne um den Thron im fernen Karakorum, der Hauptstadt des Riesenreiches. 2005 jährt sich zum 850. Mal der Geburtstag des Eroberers, in dessen Biografie historisch Verbürgtes und Legenden bis heute kaum zu trennen sind. Im Vorfeld des Jubiläums eskaliert nun der Streit, ob er nun mongolischer oder chinesischer Herkunft war, mit neuer Schärfe. Als Begründer der mongolischen Yuan-Dynastie, die das Reich der Mitte rund 200 Jahre lang regierte, wurde er in China mit einem Eintrag in das Ehrenregister der großen Herrscher gewürdigt. Und mit dem Bau eines Mausoleums in Peking. Dort soll er 1227 gestorben sein.

Sein Leichnam, sagt wiederum die mongolische Überlieferung, wurde jedoch „mit 90 Ochsenkarren“ in die Heimat überführt. Diese Version ist offenbar mehr als ein Mythos. Mongolische und amerikanische Archäologen gingen ihr nach und legten im Juli 2001 im Hentti-Gebirge, rund 320 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Ulan Bator gelegen, eine Totenstadt frei, die vermutlich die letzte Ruhestätte von Dschingis Khan ist. Das Grab seines Vaters wurde jedenfalls schon identifiziert.

Besonders aggressiv bemüht sich nun auch noch die frühere Sowjetrepublik Kasachstan, den Eroberer wieder zu dem zu machen, was er nach ihrer Meinung ohnehin stets war: ein Kasache. Die Kasachen – weltweit rund acht Millionen Menschen, von denen nur eine Minderheit in der (gerade von Bundeskanzler Schröder besuchten, bodenschätzereichen) Republik Kasachstan lebt –, sie sind im frühen Mittelalter aus der Verschmelzung türkischer und mongolischer Stämme hervorgegangen, deren lose organisiertes Steppenreich sich zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert vom Schwarzen Meer bis zur koreanischen Halbinsel erstreckte.

Der Stamm der Kyat bewohnte damals jenes Gebiet der Mongolei, auf dem Dschingis Khan 1155 unter dem Namen Temudschin zur Welt kam. Vor allem mit den Stimmen vier kasachischer Clans wurde er 1206 auf einem Kurultai – so hieß der Thing, die Versammlung der alten Türken und Mongolen – zum Khan gewählt. Wörtlich übersetzt bedeutet Khan soviel wie Herr. Eben darum, heißt es nun aus Kasachstan, hätten sich die kasachischen Herrscher noch bis ins 19. Jahrhundert, als ihre drei Teilfürstentümer endgültig von Russland annektiert wurden, als Dschingisiden bezeichnet: als Abkömmlinge des Eroberers. So jedenfalls nehmen die Organisatoren einer internationalen Konferenz, die kommendes Frühjahr in Alma Ata, der alten Hauptstadt Kasachstans stattfinden soll, Dschingis Khan als einen der ihren in Anspruch. Die bisher reichlich wackeligen Thesen sollen von der Konferenz auf ein wissenschaftliches Fundament gestellt werden.

Dabei geht es um mehr als einen Historikerstreit. Die Auseinandersetzung hat politische Gründe: Die Nachfolgestaaten der UdSSR in Zentralasien, deren nationale Identität von den Sowjets unnachgiebig unterdrückt wurde, sind verzweifelt auf der Suche nach einem neuen, mehrheitsfähigen staatstragenden Mythos. Als Sinnstifter werden nationale, säkuläre Herrscher bevorzugt. Außerdem sollen sie möglichst aus der vorislamischen Vergangenheit stammen, um der islamischen Opposition, die mit zunehmend radikalen Forderungen auftritt, die Lufthoheit über den Stammtischen der Tschoichana zu nehmen. Tschoichana, das sind die Teehäuser der Kasachen in Zentralasien.

Die Methode hat sich bereits bewährt: So stieß Usbeken-Präsident Islam Karimow schon 1991 Lenin vom Granitsockel und hievte an seiner Stelle Timur Lenk aufs Piedestal, einen im Westen als Tamerlan der Große bekannten Tataren-Khan, der im 14. Jahrhundert von Samarkand aus ein Weltreich regierte. Und zwar 150 Jahre, bevor die eigentlichen Usbeken einwanderten. Und der Kasache Imamgali Tasmugambetow zahlte als Premier der Mongolei vor zwei Jahren ein Vermögen für den Rückkauf eines nationalen Heiligtums – für den Stein von Kuyultegin, der von den Anfängen des ersten kasachischen Staates erzählt: in einem kasachischen Idiom aus dem 13. Jahrhundert, eingeritzt mit alttürkischen uigurischen Runen in die überlebensgroße Figur eines Kriegers, deren Kopie jetzt vor der Nationaluniversität in der neuen Hauptstadt Astana steht.

Dschingis und die Dschingisiden passen auch besser als die Stammesdemokratie der alttürkischen Steppenkrieger zu den Plänen von Kasachen-Präsident Nursultan Nasabajew für eine dynastische Erbfolge. Tochter Dariga, die mit dem Sohn von Präsident Akajew im benachbarten Kirgisien verheiratet wurde, gründet dazu gerade eine Partei.

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