Kultur : Überall ist Istanbul

Herkunft spielt keine Rolle: Die 8. Biennale am Bosporus zeigt die Globalisierung der Gegenwartskunst

Bernhard Schulz

Zwei Treppen durchstoßen die Geschossdecken des „Antrepo No. 4“, eines früheren Lagerhauses am Ufer des Bosporus. Die eine führt vom Erd- ins Obergeschoss, hängt an silbrig glänzenden Ketten und entlässt den Benutzer in ein gläsernes Geviert, dessen Scheiben von Einschussstellen übersät sind. Gewalt droht von allen Seiten. Die andere führt vom Obergeschoss bis unters Dach, besteht aus durchscheinendem Stoff und trägt kein Gewicht – vielleicht aber die Seele, die sich in himmlische Höhe schwingen mag. Kann die eine Arbeit – der in Berlin lebenden Italienerin Monica Bonvicini – für den Begriff „Gerechtigkeit“ stehen, die eine Hälfte des Leitthemas der 8. Biennale von Istanbul, so steht die andere – von Do-Ho Suh aus Korea – für „Poesie“. Die beiden Werke belegen das über weite Strecken geglückte Bemühen des Kurators der Biennale, des New Yorkers Dan Cameron, mit „Poetic Justice“ nicht allein einen griffigen Titel zu prägen, sondern ihn durch aufeinander abgestimmte Arbeiten zum Sprechen zu bringen.

Die Gefahr liegt nahe, in Istanbul, an dieser metaphorisch wie geografisch ausgewiesenen Schnittstelle zwischen Europa und Asien, zwischen Erster und Dritter Welt eine vordergründig politisierende Kunstschau zu arrangieren. In eine solche Ecke haben sich die Biennale und die sie veranstaltende Istanbul-Stiftung für Kultur und Künste zum Glück niemals drängen lassen, seit 1987 die erste der Biennalen ausgerichtet wurde . Die folgenden fanden zwar nicht jedes Mal im Zweijahresrhythmus statt, doch hat sich Istanbuler Biennale hinter Venedig auf dne zweiten Platz in Europa vorgearbeitet. Die Metropole am Bosporus zählt mittlerweile selbst zu den Knotenpunkten der Gegenwartskunst, die wiederum zum Musterbeispiel der Globalisierung geworden ist.

Cameron spricht im begleitenden, bedauerlicherweise jedoch nur die wenigsten der gezeigten Arbeiten vorstellenden Katalog vom „Nomadentum“ der Künstler. Wie zum Beleg stellt er Arbeiten von 85 Künstlern vor, bei denen der Zusatz „aus 42 Ländern“ zwar korrekt, aber irreführend wäre, weil sie oft genug ihre Heimat verlassen haben, Wohnsitze in zwei Ländern oder gar Kontinenten vorweisen und ihre Arbeiten womöglich wiederum andernorts verfertigen.

Die Rituale eines öffentlichen Politiker-Auftritts, die der Holländer Aernout Mik in seinem Video vorführt, erwecken ebenso den Anschein einer ethnologischen Studie wie das Singen und Tanzen zweier türkischer Großstadtjungs in einem Geldautomaten-Raum, den Fikret Atay arrangiert hat. Oder wie die fragenden Gesichter, die die zeitweilig in Berlin lebende Portugiesin Filipa César für ihr eindringliches Video unter der Zuganzeigentafel im Bahnhof Zoo festgehalten hat. Aber auch der belanglos im Luftzug eines geöffneten Fensters schwingende Lamellenvorhang, den die in Brüssel lebende Spanierin Dora García in einem kleinen Dachraum gehängt hat, ist eine freilich minimalistische Vergegenwärtigung einer Alltagssituation, die keinen spezifischen Ort mehr kennt.

Wie bei den meisten Überblicksausstellungen der vergangenen Jahre nehmen Videos einen breiten Raum ein. Doch zumindest die technischen Möglichkeiten des Mediums dürften weitgehend ausgereizt zu sein; das Dokumentarische wiederum ist kein Privileg des Videos. Wenn Kutlug Ataman, der Istanbuler Künstlerstar mit Wohnsitzen in Barcelona und London, eine türkische Zypriotin in einer Paralellprojektion unter dem Titel „I + I = I“ von den persönlichen wie politischen Katstrophen ihrer zerrissenen Heimat erzählen lässt, dann springt eher political correctness ins Auge als die Besonderheit von Kunst.

Die Videos von Jennifer Steinkamp (Los Angeles) oder Fiona Tan (Amsterdam) schließlich könnten unter jedem anderen Biennale-Motto wohl ebensogut gezeigt werden. Sie sind zu sehen im mystischen Dunkel der Yerebatan-Zisterne, jenem unterirdischen, von 336 Säulen getragenen Wasserreservoir aus byzantinischer Zeit. Seit jeher hat die Biennale historische Orte gesucht und einbezogen. Diesmal sind neben der Zisterne, in der tropfendes Wasser mit Fiona Tans elegischem Meereswellen-Video korrespondiert, ein von der Istanbuler Kunstakademie genutztes fünffach überkuppeltes Magazingebäude aus osmanischer Zeit einbezogen – und die Empore der Hagia Sophia, dieser gewaltigsten architektonischen Leistung aus der Glanzzeit Kaiser Justinians. Gerade dort aber, an einem für Touristen obligatorischen Ort, wirkt die Auswahl unentschlossen.

So witzig etwa Ozawa Tsuyoshis Foto-Arragement „Waffen aus Gemüse“ in einem Plastik-Treibhaus auch sein mag – warum es unter den Gewölben der einstigen Kaiserkirche aufgebaut ist, erschließt sich nicht. Eher blitzt vor Araya Rasdjarmrearnsooks Video über buddhistische Trauerrituale das Aufeinandertreffen der Kulturen auf, wenn eine Gruppe verschleierter Muslim-Frauen voller Interesse vor dem Monitor verharrt. Einzig der New Yorker Tony Feher hat sich des Ehrfurcht gebietenden Bauwerks angenommen – und eine Reihe kleiner Fenster mit blauem, durchscheinendem Klebeband bedeckt, das von Fenster zu Fenster unterschiedliche, geradezu islamisch anmutende Muster bildet.

Im Ganzen unterstreicht die Auswahl eindrucksvoll, dass lokale, nationale und ethnische Unterscheidungen in der Kunst von Heute ihren früheren, oft genug diskriminierenden Sinn eingebüßt haben. Das Sensorium für politische und gesellschaftliche Probleme ist keine Frage der Herkunft eines Künstlers mehr, sondern wird maßgeblich bestimmt durch dessen beständig erneuerte Erfahrung von Eigenart und Fremdheit.

Kunstwerke wie diejenigen, auf die sich die Istanbuler Biennale konzentriert, nähern sich der Alltagswelt an, indem sie zum einen alltägliche Materialien und Objekte aufgreifen, zum anderen alltägliche Situationen und Erfahrungen festhalten. Was Kunst von der bloßen Wiederholung des Alltäglichen unterscheidet, ist die Andersartigkeit ihres Blickes und damit jenes Moment an Irritation und Verstörung, das sie beim Betrachter auszulösen vermag.

Die dem anspruchsvollen Leitmotiv am stärksten genügenden Arbeiten finden sich allerdings nicht in den beiden öffentlichsten Orten der Biennale – Hagia Sophie und Zisterne –, sondern im Lagerhaus „Antrepo“, das leider von der Stadt durch eine verkehrsgesättigte Straße abgeschnitten wird. Eines der eindrucksvollsten Werke kommt bewusst folkloristisch daher: ein auf zusammengenähte Reissäcke gemaltes, wandfüllendes Gruppenporträt von „248 Persönlichkeiten, deren Leben und Werk den aufwühlenden gemeinschaftlichen Kampf einer Nation auf dem Weg zur Moderne repräsentieren“, wie der Iraner Sharam Karimi seine Arbeit erläutert: emigrierte, ermordete, verstummte Intellektuelle seines Heimatlandes. Auf ebendiesem Grat zwischen Kunst und Dokumentation hat die 8. Biennale von Istanbul ihre eindrucksvollsten Momente.

Sharam Karimi übrigens, 1957 in Shiraz geboren, lebt im rheinischen St.Augustin. Die Welt ist eng zusammengerückt.

Istanbul, bis 16. November, Katalog umger. 20 €. Weiteres unter www.istfest.org

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