Kultur : Überall ist Mafialand

SILVIA HALLENSLEBEN

Das siebente osteuropäische Kinofestival in CottbusVON SILVIA HALLENSLEBENOsten oder Westen? Das ist eine Frage der Perspektive.Nur etwa 50 Kilometer, im Global Village ein Katzensprung, ist Cottbus von der polnischen Grenze entfernt.Im Kino rückt die Welt sowieso zusammen: Über "Air Force One" können sich die Kids aus Cottbus mit ihren Altersgenossen aus Zopot problemlos verständigen.Die Filmproduktion der polnischen Nachbarn aber dürfte den meisten ebenso unbekannt bleiben wie umgekehrt.An der Hoffnung, daß dem nicht so bleibt, arbeitet seit sieben Jahren erfolgreich das "Festival des Jungen Osteuropäischen Films".Vier Tage lang dürfen hier kasachische Steppenwinde und georgische Sonnenstrahlen den Cottbuser Herbstnebel vertreiben, darf man polnische Jugendcliquen mit denen in Belgrad oder Skopje vergleichen, darf der östliche Westen von Jan Ralskes "Not A Love Song" zum westlichen Osten von David Ondriceks grellbunten Prager Bilderbogen "Flüstere" in Konkurrenz treten. Osteuropa ist groß, ein weites Feld sowieso.Die Vertreter der kaukasischen Kinematographien, denen dieses Jahr eine Sonderreihe gewidmet war, empfanden schon diese Form der regionalen Kategorisierung wenn nicht als Zumutung, so doch als inadäquat.Doch bei aller Vielfalt - es erstaunt die Beharrlichkeit, mit der bestimmte Komplexe die Leinwand dominieren."Fuck the Killer" hatte ein Kollege seinen Beitrag zum Festivalkatalog ursprünglich betitelt.Auch wenn daraus in der Endfassung (auch Kataloge werden redigiert) ein "Zum Stand der Filmkunst in Osteuropa" wurde, trifft die Sentenz recht präzise den Trend, der das osteuropäische Kino der Gegenwart zu beherrschen scheint.Eine latente Gewalttätigkeit liegt über den Bildern: kaum ein Film ohne Waffen, ob Gangster oder Mafiosi, Kleinkriminelle und Jugendcliquen, Briganten und Rächer.Der Killer als Leitbild."Bruder" (Brat) von Aleksej Balabanov, Rußland, erzählt von einem Ex-Soldaten aus der Provinz, der nach Petersburg reist, um den großen Bruder zu suchen und nach kurzer Lehrzeit im Milieu beweisen darf, daß er eigentlich der bessere Mann für den (Mafia-)Job ist."Bruder", mit dem jungen Sergej Bodrow in der Hauptrolle, sicher einer der stärksten Filme des Festivals, ist klassisches europäisches Erzählkino. Auch "Mondo Bobo", den der junge Kroate Goran Rusinovic für gerade mal 80 000 DM realisiert hat, erzählt von einem jungen Kleingangster, der nach Flucht und Geiselnahme im Kugelhagel von Spezialtruppen stirbt - und er tut dies episodisch, in körnigem Schwarz-Weiß und mit Einstellungen, die kunstvolle Unmittelbarkeit suggerieren sollen.Nachäfferei wurde dem Regisseur vorgeworfen, Tarantinismus.Mag schon sein, auch Godard und alles mögliche, aber was ist schon neu? Eigener Stilwille ist hier ohnehin deutlich zu erkennen.Es ist eher die romantische Aura, mit der dieser Film seinen Held am Ende in Zeitlupe sterbend durchs Sonnenblumenfeld taumeln läßt, die problematisch erscheint. Immer wieder hört man in Cottbus den Vorwurf der Hollywooditis, auch aus enttäuschter Liebe.Für viele, die gerade den "Humanismus" des osteuropäischen Kinos schätzten, scheint die Invasion der Killer Ausdruck eines die nationalen Kulturen vereinnahmenden Amerikanismus zu sein.Dabei sind die Verstörungen, aus denen diese Filme - sei es nun realistisch oder metaphorisch - ihren Stoff beziehen, doch offensichtlich sehr real begründet.Das Zerbrechen der Ordnungssysteme: Gewalt, Geld, auch Ratlosigkeit und Identitätsverlust. Dabei scheint die Krise auch eine der Männlichkeit zu sein.Denn den Killern stehen Figuren gegenüber, die den Gestaltungsverlust als Schock erleben.Symptomatisch hierfür könnte der junge Musiker in Levan Kitias "Die Kreuzung" (Georgien) sein, den eine Nacht, die er außerhalb des Elfenbeinturms auf der Straße erlebt, in den Wahsinn treibt.Die eher spektakuläre Spielart der Figur des kriselnden Inellektuellen läßt in "Die Schamanin" (Andrzej Zulawski) einen polnischen Anthropologen einer Studentin verfallen - als Wiedergängerin einer mumifizierten Schamanin hat sie es am Ende nicht nur auf Sex, sondern auf das Hirn des Professors abgesehen.Der Film feiert den spirituellen Hochleistungssex im Stakkato-Rhythmus.Sonst überwiegt die Missionarsstellung. Überhaupt, die Frauenfiguren - sie beschränken sich in erstaunlicher Durchgängigkeit auf die altbewährten Leitbilder von Hure, blondem Engel und Mutter.Und "Farba", die als Titelfigur des gleichnamigen Films des polnischen Regisseurs Michal Rosa ein wenig Aufsässigkeit demonstrieren darf, muß zur Strafe als Negativfolie für die Verkommenheit der polnischen Jugend herhalten.Die Stadt als Moloch, die Frau als Hure - da geben Moral, Spiritualität und Nation den einzigen Halt.Als drastischstes Beispiel hierfür sei der Film "Über den See" von Antonio Mitrikeski genannt, eine mazedonisch-albanische Koproduktion mit Musik von Georges Zhamfir."Über den See" ist eine nationalpropagandistisch verschwollene Liebesschnulze über den Ohrid-See an der Grenze zwischen beiden Ländern, der die (blonde!) Geliebte radikal zur leidenden Gebärerin degradiert - der "Film zur Panflöte", wie ein Kollege sagte. Die Jugend ist alt geworden.Interessanterweise zeigen gerade die Filme aus den Ländern Exjugoslawiens die größte Differenziertheit.So erzählt die junge serbische Regisseurin Mirjana Vukomanovic in "Drei Sommertage" (die dafür den FIPRESCI-Preis erhielt) vom Schicksal zweier Bosnier, die sich in Belgrad mit kleinen krummen Geschäften durchschlagen.Sie scheitern an der auch rassistischen Gewalt ihrer Umwelt.Auch hier geht es nicht ohne unnötig melodramatisches Ende ab, auch hier findet sich wieder die Hure, immerhin aber als eine widersprüchliche, lebendige Figur.Daß gerade einer der belangloseren der ex-jugoslawischen Filme, die vordergründig pazifistische, doch politisch allzu harmlose kroatische Köpenickiade "Wie der Krieg auf meine Insel kam" von Vinko Bresan den Hauptpreis erhielt, darf gerade noch als Ausdruck jurymäßigen Harmoniestrebens verstanden werden.Glatt unverständlich dagegen der zweite Preis für "Flüstere" (David Ondricek), eine brave Liebesgeschichte aus Prag auf Bravo-Fotoroman-Niveau. Kann ein Festival besser sein als seine Filme? "Noch mehr polnische Verhältnisse" hat Roland Rust, seit zwei Jahren Festivalleiter, zum Abschluß gewünscht.Die lebendige Kommunikation ist eines der Markenzeichen von Cottbus.Hervorgegangen aus den Strukturen der Filmclubbewegung der DDR, hat sich das Cottbuser Festival zu einem Panorama des osteuropäischen Films entwiêkelt, diese intime Qualität aber bewahrt.Dieses Jahr platzte es, sowohl organisatorisch wie auch vom Publikumszuspruch her, aus allen Nähten.Damit scheint das Festival an einer Wegscheide angekommen - zwischen dem Kollaps und der Flucht nach vorne.Letztere liegt in der Luft.

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