Kultur : Überholen, ohne einzuholen

Nach der Wende war Berlin ein Mekka für Investoren. Doch viele haben sich verspekuliert, auch der Gastwirt Studinger. Aber er lässt sich nicht unterkriegen.

Elisabeth Binder

Die Äpfel sind fast reif. Aus verblühten Rosen schießen Gräser empor. Es riecht nach Maultaschen im Pfarrgarten der St.-Johannis-Gemeinde in Moabit. Johann Studinger kommt ein bisschen zu spät über den grauen Kiesweg und ohne die schwarze Baskenmütze, die so lange sein Markenzeichen war. Er trägt ein lila Hemd zu grauschwarzen Haaren, eine große Brille.

Fünf Jahre brauchte er damals, dann war er ganz oben. 1976 hatte der Schwarzwälder Ingenieur in Moabit seine „Spirale“ eröffnet. „Moabit?“, seufzten die Freunde. „Unmöglich!“ Moabit, das war das Ende der zivilisierten Welt, bedrückt von einer Mauer, die Welten trennte und an der immer noch geschossen wurde. Nichts für Liebhaber des guten Lebens, wie es sich in schwäbisch-alemannischer Küche offenbart. Aber das Restaurant in der Levetzowstraße mit dem mächtigen Alt-Berliner Holzbüffet, das zuvor einer Spirituosenhandlung und in den 30er Jahren einer Drogerie als Ladentisch gedient hatte, wurde rasch zum Anziehungspunkt für West-Berliner aus allen Bezirken. Stadträte saßen in den gemütlichen Sitznischen mit Managern zusammen, tranken Viertele und aßen die berühmte weiße Rettichspirale mit Laugenbrezeln. Hinter der Theke gab es eine Stiege, die in den Weinkeller führte.

Bereits als Fachhochschüler in München hatte Studinger legendäre Feste organisiert, nun, in Berlin, lebte er seine Berufung richtig aus. Die Kellnerinnen gehörten zu den hübschesten von West-Berlin, auf dem Tresen prunkte immer ein riesiger Blumenstrauß, und draußen hingen Zöpfe aus grünen Bocksbeutelflaschen wie eine Art Wappen. Die „Spirale“ wurde ein Kultlokal für Honoratioren. Damals, in den 80ern, konnte Studinger jeden Tisch zweimal verkaufen: einmal zum frühen Abendessen. Und dann noch mal ab 22 Uhr 30, wenn im nahe gelegenen Hansa-Theater der Vorhang gefallen war.

Damals konnte er es sich leisten, im Sommer das Lokal zu schließen und sechs Wochen Ferien zu machen. Es waren ruhige Zeiten. Alle Angestellten bekamen Berlin-Zulage, es gab die Sicherheitsgarantien der Alliierten. Niemand glaubte, dass die Mauer jemals fallen würde. Jedenfalls nicht zu eigenen Lebzeiten. Es war eine überschaubare Welt. Besonders beliebt waren die sonntäglichen Frühschoppen beim Studinger mit anschließender Schiffsfahrt. An der Mauer wendete das Boot und fuhr zurück. Viele hat das nicht mal wirklich gestört mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem Bau. Man kannte es nicht anders.

Eine schwächelnde Sonne, manchmal von Wolken umweht, scheint auf den Garten der St.-Johannis-Gemeinde, am Nebentisch nehmen drei Männer Platz und bestellen Trollinger. Euphorie? „Ja“, die hat Studinger gespürt, als die Mauer fiel. Euphorie schon. „Aber keinen Größenwahn!“ Darauf legt er großen Wert. Ihm ist viel nachgesagt worden und nicht nur Gutes. Manche alten Freunde haben ihn für größenwahnsinnig gehalten.

Silvester 1989 war die Spirale wie üblich ausgebucht. Diesmal beließ er es nicht beim traditionellen viergängigen Menü. Nachts lud er seine 76 Gäste in einen Bus, packte eine Musikanlage dazu, ein paar Kisten Bier, paar Fässer Wein, und ab ging’s zum Alexanderplatz, der damals noch in einem anderen Land lag. Die Grenzer an der Invalidenstraße ließen sich überzeugen und winkten den Bus ohne weitere Formalitäten durch. Am Alexanderplatz sammelten sich nach seiner Erinnerung „bald 3000 Menschen aus Ost und West rund um die Anlage“ und feierten das neue Jahr, die offene Mauer und die gemeinsame Zukunft. „Es war der Beginn einer neuen Epoche“, sagt Studinger. Davon war er überzeugt. „In spätestens 15 Jahren, das dachten damals viele, hat Berlin acht Millionen Einwohner.“ Würde eine goldene Stadt sein für Unternehmungen aller Art. Das Herz Europas. Die Drehscheibe zwischen Ost und West. Eine Boomtown, in der die Leute Geld haben und viel mehr Orte brauchen, um es auszugeben. Nach dem Wunder des Mauerfalls und der raschen Wiedervereinigung hatte niemand Zweifel, dass weitere Wunder folgen würden.

Geschäfte, Kneipen und Restaurants waren übervoll in jenen Zeiten. Die Ostdeutschen wollten endlich den Westen erleben, ihren Nachholbedarf stillen. Zu Hause gab es noch kaum Restaurants mit westlichem Standard. Es war eine Zeit für neue Ideen. Studinger spürte in sich „den ganz starken Drang, die Berliner nach draußen zu bringen“. Er hatte Träume. Eine Weinstube im Kloster Chorin. Ein Restaurant im Schloss Petzow. Das Teehaus im Englischen Garten. Ausflugstouren ohne Autos.

Erfahrungen mit Schiffsfahrten hatte er ja schon früher gemacht. Jetzt musste die Tour von der Hansabrücke aus nicht mehr an der Mauer unterbrochen werden. Raus ging’s in den Garten des Lokals von Neuhelgoland, dem Ausflugsziel am Müggelsee. Es gab die berühmten Maultaschen, Fleisch vom Grill, Trollinger. Die Leute waren hin und weg von der unberührten Natur. Studinger war nicht zu stoppen, zusammen mit dem Bezirksamt organisierte er die „Konzerte im Englischen Garten“ nahe der Siegessäule, die auch für viele Ost-Berliner eine Attraktion wurden.

1994 war das Jahr, in dem Bill Clinton als erster amerikanischer Präsident durchs Brandenburger Tor ging und anschließend sagte: „Nichts wird uns aufhalten. Alles ist möglich.“

Unternehmer sahen Berlin vor einem starken Wirtschaftsaufschwung. Im Ostteil der Stadt machte eines der ersten In-Lokale von Prenzlauer Berg Furore, das „Maothai“. Dessen Betreiber war aus Japan, wo er lange gelebt hatte, eigens heimgeeilt, um teilzuhaben an der großen Veränderung. Obwohl die Immobilienpreise in Schwindel erregende Höhen geschossen waren, kauften viele Leute Wohnungen, weil sie Angst hatten, sie sich später nicht mehr leisten zu können. Und weil sie sicher waren, dass auch die Mieten unbezahlbar würden, wenn in Berlin acht Millionen Menschen lebten.

1,5 Millionen Mark! Normalerweise ist das eine Menge Geld. Aber die Zeiten waren nicht normal. Die Banken hatten kein Problem damit, hohe Kredite zu geben. Studinger war ja schon ein erfolgreicher Gastronom gewesen, als die Mauer noch stand. Jetzt konnte es doch nur noch aufwärts gehen. 1994 entschloss er sich, die „Giraffe“ zu kaufen. Sie lag im Hansa-Viertel, in einem der denkmalgeschützten Häuser, die während der Internationalen Bau-Ausstellung 1957 so viel Aufsehen erregt hatten. Die „Giraffe“ hatte einen wunderschönen großen Garten, umgeben von hohen Bäumen und Sträuchern. In den 50er Jahren war die „Giraffe“ ein Traditionsrestaurant fürs gehobene Bürgertum gewesen, später wurde sie mehr zum Museum für die Kochkunst der Adenauer-Ära. Etwas stickig. Das Ambiente passte überhaupt nicht zu diesen Aufbruchszeiten. Aber die Lage schien perfekt. In Immobilienanzeigen wurde diese Gegend damals grundsätzlich als Regierungsbezirk ausgewiesen.

Es war die Zeit, als die Preise oft doppelt so hoch waren wie heute und die Zinsen auch und jeder sicher war, dass sich das noch steigern würde.

Für 1,5 Millionen kaufte Studinger das Lokal. „Alles viel zu überteuert“, sagt er heute. Doch wenn man einmal mit großen Zahlen hantiert, dann geht man auch weiter. Vorwärts. Zwei weitere Millionen waren nötig, um aus der „Giraffe“ ein luftiges Allwetter-Lokal zu machen, mit einem lichten Wintergarten, der in den schönen großen Biergarten überging. Auch die Millionen bekam er von der Bank. Schließlich hatte er seiner Meinung nach den perfekten Ort gefunden. In Erwartung der Bundesregierung kam auch Pfälzer Saumagen auf die Karte, des damaligen Kanzlers Leibgericht. Es gab Schäufele und Schwarzwälder Kirscheisbecher mit Sahnespirale, und anfangs brummte das Geschäft auch. Betriebe feierten große Feste. Zur Love Parade stellte er einen aufblasbaren Pool in den Garten.

20 000 Mark betrug die Zinslast im Monat. Trotz der hohen Schulden war Johann Studinger damals fest überzeugt: „Das schaffst du.“ Bei der Wahl des Bundespräsidenten Roman Herzog durfte er die Feier im Kronprinzenpalais beliefern. „Das war eine ganz große Sache für mich damals.“ Es gab genügend Hoffnungsvorräte, um die ersten Warnzeichen zu ignorieren. Aber: Die Regierung kam nicht so schnell wie erwartet und die wirtschaftliche Lage entwickelte sich auch nicht wie erhofft. Heute denken viele, dass erst das Jahr 2001 die entscheidende Wende gebracht hat, tatsächlich fingen die Probleme früher an.

Ob er wirklich der Erste war, der gemerkt hat, dass sich was ändern könnte? „1995/ 96 hat die Rezession schon eingesetzt“, sagt er heute. Zuerst gingen die Betriebsfeiern zurück, die Unternehmen hatten einfach kein Geld mehr für solchen Luxus. Studinger dachte, dass eine weitere Flucht nach vorn vonnöten war, um die „Giraffe“ auf wirklich sichere Füße zu stellen. Durch seine alten Kontakte ins Management von Siemens erfuhr er, dass Siemenswerder zu haben war, ein riesiges Gartenlokal zwischen Charlottenburg und Spandau mit Schiffsanlegestelle. „Ich hatte schließlich viel Erfahrung mit mehr als 300 Schiffsfahrten.“ Um an das rettende Wassergrundstück zu kommen, brauchte er 3, 5 Millionen Mark. Die Bank war immer noch großzügig .

Folker Streib, der viele Jahre in der Geschäftsleitung der Commerzbank arbeitete und inzwischen als Lehrbeauftragter und Consultant tätig ist, erinnert sich an die Stimmung damals. „Heute steht bei der Kreditvergabe im Vordergrund die Überlegung, ob du das Geld wirklich wiederbekommst.“ In den euphorischen Zeiten war das anders. „Aber kein Mensch konnte wissen, wie sich das weiterentwickelt.“ Erst 1997 habe man begonnen, die Gefährdung für die Banken zu erkennen.

Unter 40 Bewerbern erhielt Studinger den Zuschlag für Siemenswerder. Und auch das Geld. Das war im Oktober 1995. Niemand kam auf die Idee, dass er sich hier ein Kartenhaus errichtete, das einstürzen musste. Dass so viel Vertrauen in die Zukunft der Stadt am besten mit dem Wort zu bezeichnen war, das unmittelbar nach dem Mauerfall in aller Munde war: „Wahnsinn!“

Im Johannisgarten sitzen wir in einfachen weißen Plastiksesseln. Die drei Männer am Nebentisch bezahlen und brechen dann auf. Johann Studinger spricht leise, mit weicher Stimme, immer wieder werden seine Augen schmal, wenn er sagt, dass er auch Fehler gemacht hat.

Trotz aller Bemühungen konnte er keinen Partner für Siemenswerder finden. Es gab zahlreiche Interessenten, Banken, Brauereien, Privatpersonen. Aber irgendwie wurde nichts draus. Von seinen Manager-Freunden erfährt er: „Die Kosten der Wiedervereinigung beginnen, auf den Unternehmen zu lasten.“ Vor allem aber: Es ist eine ganze Stadthälfte voller neuer Restaurants hinzugekommen. Ost-Berlin entwickelte sich zur hippsten Ausgeh-Gegend für Ostler, Westler und Touristen. Gleichzeitig war klar, dass das mit den acht Millionen Einwohnern so bald nichts wird. Im August 1997, zur besten Biergartensaison, muss die „Giraffe“ schließen. Im Dezember des gleichen Jahres folgt Siemenswerder. Konkurs.

Der so lang beschworene Regierungsumzug 1999 kommt für Studinger zu spät. Während des Konkursverfahrens ergibt sich für ihn plötzlich die Chance, mit einem Partner das alte Ursprungslokal, die „Spirale“, weiter zu betreiben. Dort steht er dann im Herbst 1999 wieder am Herd und kocht Rehrippchen in Cognac-Rahm-Sauce. Doch die selige Ruhe der 80er Jahre ist dahin. Streitigkeiten mit dem Partner folgen. Schlechte Geschäfte. Ausstieg.

Im Krisenjahr 2001 ist auch Studinger ganz unten. „Ich war Sozialhilfeempfänger“, sagt er nur. „Bin richtig aufs Amt gegangen. Aber ich hab mich nicht geschämt.“ Geholfen hat ihm die Erinnerung an eine Krebserkrankung, die er in den guten 80er Jahren überstanden hat. „Die hat mich gelehrt, dass das Leben nur vorübergehend ist. Dass man nicht sammeln und sparen muss, weil man nicht mehr braucht als das Essen für den gegenwärtigen Tag.“ Nach wie vor ist er überzeugt, dass sich all die Mühe irgendwann doch gelohnt haben wird, dass die Energie, die Kraft, die er in seine Unternehmungen gesteckt hat am Ende doch sichtbar wird in einem neuen, von Erfolg gekrönten Anfang.

2002 holt ihn der Sohn einer Winzerfamilie von der Nahe nach Kreuzberg, wo er ein „Boarding House“ betreibt. Studinger soll sich um das dazugehörige Restaurant kümmern. Er dübelt Flaschen an die Wand, sorgt für fahrbare Weinregale, gestaltet die Speisekarte. Ist wieder in seinem Element. Ähnlichkeiten mit dem Ambiente der „Spirale“ sind kein Zufall. Es gibt Maultaschen und Trollinger und den berühmten Spiralerettich. Aber die Zeit der großen Hoffnungen ist endgültig vorbei. Im August 2003 trennt er sich im Streit von dem Kreuzberger Weinlokal. Noch einmal kehrt er zurück in die „Spirale“, die zufällig wieder zu haben ist. Er ist wieder da angelangt, wo die Odyssee begonnen hat, das Abenteuer mit den Millionenprojekten, das ihn bei seinem Konkurs mit fast neun Millionen Mark Schulden zurückgelassen hat. Und plötzlich findet er sogar einen verwunschenen alten Pfarrgarten. Ganz in der Nähe, an der St.- Johannis-Kirche in Moabit betrieb er eine kleine Gastwirtschaft. Zwei Sommer lang gab es hier badisch-schwäbische Küche: den Spiralerettich für maßvolle 1 Euro 50, den Salatteller mit schwäbischer Maultasche und natürlich den Trollinger.

Am Ende war es der Regen, der ihm das Aus bescherte. 75 Prozent der Tage im Sommer 2004 fielen buchstäblich ins Wasser. Auch der letzte Sommer war nicht so besonders. Die Miete für die „Spirale“ konnte er nicht mehr aufbringen. Die Vermieter wollten sowieso kein Lokal mehr im Haus haben und gewährten keinen Aufschub. Nach 29 Jahren musste er das Lieblingskind endgültig verloren geben. Das alte Drogeriebüffet baute er aus und auch die Schwarzwalddächer. Die lagern jetzt im Süden von Berlin. „In acht Tagen könnte ich das wiederaufbauen.“

Wenn man aus dem Johannisgarten rausgeht und ein Stück die Straße Alt-Moabit hinunter, kommt man ins Regierungsviertel. Und noch ein Stück weiter zum Potsdamer Platz. „Wahnsinn“, sagen die Touristen, wenn sie mit dem Schiff dadurch fahren. Die Stadt sieht hier tatsächlich völlig anders aus als noch vor zehn Jahren. Die architektonische Pracht steht im seltsamen Kontrast zum ängstlichen Lebensgefühl vieler Menschen. Studingers Lebensgefühl ist das nicht. Aufhören? „Kann ich nicht. Will ich nicht“, sagt er kurz.

Johann Studinger ist fest entschlossen, seinen Traum zu verwirklichen. Den Garten weiterzubetreiben und darin ein einfaches Holzhaus zu errichten. Heute brauchte er dazu keine Millionen mehr wie in den zukunftsbesoffenen 90ern. „100000 Euro würden reichen."

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