Kultur : Überraschung aus dem Osten

KATRIN HILLGRUBER

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu: Der Berliner Literaturpreis liefert mit dem zuverlässigen Wandel seiner Statuten den Beweis für diese Devise.Andererseits heißt es bei Jörg Steiner, einem der diesjährigen Preisträger: "Das Vorläufige verbirgt sich im Gewohnten", und als man die sieben Juroren in messinggelben Samtsesseln vor der Uferkulisse des Wannseees sitzen sah, wurde schnell wieder klar, daß es im ehrwürdigen Literarischen Colloquium zu keiner revolutionären Erhebung kommen würde.

Stets sind es sieben Autoren, die alle zwei Jahre mit dem Berliner Literaturpreis in Höhe von je 10 000 Mark, gestiftet von der Preußischen Seehandlung, für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden.Damit verbindet sich die Bereitschaft, halböffentlich aus unveröffentlichten Manuskripten lesen, aus denen dann die Jury jene zwei ermittelt, die einen "bedeutenden Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur" zu leisten versprechen, wie es in den Statuten heißt.Die beiden Auserwählten werden schließlich mit weiteren je 20000 Mark bedacht, in Gestalt der wuchtigen Johannes-Bobrowski- Medaillen.Neu war diesmal, daß die Reform von 1996 wieder abgeschafft wurde: Damals waren die Autoren in mißverstandener Basisdemokratie verpflichtet worden, über die Vergabe der Medaillen mitabzustimmen - ein unerfreuliches "Monopoly mit Startgeld", wie die Juryvorsitzende Verena Auffermann meinte.

Doch sie und ihre Mitjuroren - Sibylle Cramer, Martin Lüdke, Norbert Miller, Wendelin Schmidt-Dengler, Elke Schmitter und Sigrid Weigel - schossen in ihrem Willen zur Befriedung der Veranstaltung über das Ziel hinaus.Eine gluckenhafte Einträchtigkeit bemächtigte sich der noch nicht ganz ausgebrüteten Textprodukte.Von ferne grüßten Luigi Malerbas "Nachdenkliche Hühner": Arrivierte Autoren wurden zu Küken reduziert, wohlmeinende Mentoren breiteten ihre Fittiche aus.Denn auch hier lauerte eine Novität: Die Laudationes wurden vorab und nicht bei der öffentlichen Schlußveranstaltung vorgetragen.Da kann es leicht zum pädagogischen Phänomen der Overprotection kommen.Einzig Elke Schmitter pflegte die Freude am Widerspruch.

Mit den Österreichern Bodo Hell und Gert Jonke sowie dem Schweizer Jörg Steiner ("Der Kollege") wurden bewährte und damit nicht mehr unbedingt überraschende Erzähler ausgezeichnet.An Jonke jedenfalls, mit dem "Geometrischen Heimatroman" von 1969 berühmt geworden, war zu erleben, daß auch und gerade das avantgardistische Schreiben in die Jahre kommen kann.Der Klagenfurter trug eine Posse, ein Zaubermärchen in der Tradition von Nestroy und Raimund vor: die apokalyptischen Abenteuer eines Herrn Wildgruber in komprimierter, katastrophischer Alpenwelt.Die Ironie wurde förmlich von den Gegenständen erschlagen.Irina Liebmann, Berliner Spezialistin für Lebensläufe und vermeintlich Lebens-Geläufiges, widmete sich in ihrem als Poem zum Hören gedachten Beitrag dem jüdischen Schriftsteller Jakob Wassermann.Die Preisträgerin Anne Duden hatte kurzfristig absagen müssen.

Den qualitativen Sprung, wenn nicht die Rettung des Ganzen brachten Autoren aus Ostdeutschland: Reinhard Jirgl und Ingo Schulze.Wie zwei dei ex machina transferierten sie Lebenswelt und Erfahrungsdichte ins akademische Sesselrund.Rasch wurde nach ihren Lesungen deutlich, daß man die sicheren Anwärter auf die Bobrowski-Medaillen gehört hatte - so kam es dann auch.Wie Uwe Johnson in seinem Leipziger Roman "Das dritte Buch über Achim" der verkappten Bürgerlichkeit dieser Stadt im realenSozialismus nachgespürt hatte, so zeichnet Ingo Schulze in "Titus Türmer.Eine Novelle aus Dresden" ein Porträt seiner Heimatstadt Ende der siebziger Jahre - hier hielt die Ost-CDU neben Weimar ihre Parteitage ab.

Der Text camoufliert sich als Schulnovelle, und es irritiert zunächst, daß Titus anderen pubertierenden Helden mit T - Tonio Kröger und Törleß - so ähnlich erscheint.Doch es handelt sich wieder um ein Spiel mit Formen und Stilen, wie es Schulzes Werk kennzeichnet.Zwei Bücher er bislang publiziert.Sein Name sei bereits ein Begriff, sagte Laudator Martin Lüdke: "Als Altphilologe kennt er die Klassiker, als DDR-Bürger kennt er die Russen, als Schriftsteller die Amerikaner.Als Sachse ist er ein Schelm." Ingo Schulzes Blick auf die Wirklichkeit ist gerade deshalb geschärft, weil er die Synopse verweigert, weil er die Verhältnisse so arrangiert, daß sie sich subtil selbst kommentieren.

Reinhard Jirgl nahm mit der Unbedingtheit seines neuesten erzählerischen Entwurfes für sich ein.Norbert Miller sprach von Jirgls "loderndem Vertrauen in die rettende Macht der Sprache und des Gedankens", wie sie seit Hans Henny Jahnn nicht mehr vorgekommen sei.Nach "Abschied von den Feinden" und "Hundsnächte", zwei Romanen, die die Entwicklung in Deutschland einer gewaltigen Kunst-Metarmophose unterziehen, weitet sich mit "Transfer Dorado" (Arbeitstitel) die Perspektive auf eine andere Spezies der Geschichtslosen und Geschichtsverweigerer: die Emigranten der neunziger Jahre, die aus dem Scheitern in Beruf und Privatleben schnurstracks in die USA flüchten.

Jirgls Hauptfigur, eine desillusionierte ostdeutsche Krankenschwester, bleibt auf dem Weg in die Neue Welt stecken - durch die Last ihrer Biographie und durch die Zollkontrolle.Wie der seinerzeit ungedruckte DDR-Schriftsteller, Elektroingenieur und Bühnenbeleuchter Reinhard Jirgl ein solches Gegenwartsthema in seinen grätigen, funkelnden, lodernden Sprachkosmos fügt, ist eine literarische Überraschung, auf die es sich zu warten lohnt.

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