Kultur : Überraschungsangriffe

Zum Start des Berliner Klavierfestivals.

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Als Barnaby Weiler vor sechs Jahren nach Berlin übersiedelte, glaubte er, seinen Ohren nicht zu trauen – die Klavierszene, die der ehemalige Sales Manager des Labels „Harmonia Mundi“ aus seiner Heimatstadt London kannte und liebte, war hier einfach nicht zu finden. Also stemmte Weiler als Selfmade-Intendant kurzerhand ein neues Festival, mit jenem uns typisch britisch erscheinenden, am Abgrund balancierenden Optimismus, der sich einzig auf die eigene Kraft verlässt und uns hierzulande immer noch eher Angst einjagt als ermutigt.

Ohne jeglichen öffentlichen Zuschuss treten nun fünf hochkarätige Pianisten im kleinen Konzerthaus-Saal auf, und die Planung für die nächsten beiden Jahre ist bereits in trockenen Tüchern. Dass das kein Spleen ist, überflüssiges Privatvergnügen angesichts der stetig zunehmenden pianistischen Residencies der Kulturflaggschiffe der Hauptstadt, beweist gleich der Eröffnungsabend: Stephen Hough mag aus einem fulminanten Waldbühnenkonzert vor vier Jahren in bester Erinnerung sein, in Berlin ist er trotzdem ein vergleichsweise Unbekannter. Sein anspruchsvoll um das Thema „Sonate“ kreisendes Recital besticht diesmal weniger durch die manchmal eigenwillig gefärbten Klangkünste des 50jährigen Briten, als vielmehr durch rückhaltlose, leidenschaftliche Ernsthaftigkeit.

Den Schlüssel zu seinen persönlichen Ausdruckswelten bietet Hough mit der Eigenkomposition „Broken Branches“, die bei allem Eklektizismus, den das allgegenwärtige pianistische Repertoire notwendigerweise hineinspielen lässt, zwischen Janácek-Melancholie, Chopin-Glitzergirlanden und harten rhythmischen Ausbrüchen à la Strawinsky doch Raum findet für eigene, farbige Klangmixturen, aparte thematische Fortspinnungen und witzige Überraschungsangriffe. Mühelos schlägt das Stück den Bogen zwischen Beethovens noch etwas statisch genommener „Mondscheinsonate“ und einer 5. Sonate von Skrjabin, die so rauschhaft und zugleich architektonisch klar selten hier erklungen sein dürfte. Die Darbietung der im Jubiläumsjahr arg geschundenen h-Moll-Sonate von Liszt trotzt allen Konventionen, entfaltet risikofreudig ein riesiges dynamisch-expressives Spektrum, das nicht auf Schönheit, sondern Wahrheit in Klang und Ausdruck beharrt. Hier geht es nicht darum, wer die gefürchtete Oktavenstelle gegen Schluss am schnellsten spielen kann, sondern um die Explosion eines aufgestauten Konfliktes. Verblüffend dann, wie sich Hough nach diesen Kraftexzessen in den Zugaben als hochsensibler und einfallsreicher Chopin-Spieler entpuppt.

Tags darauf lässt Alexandre Tharaud in völlig andere Welten eintauchen. Auch der sensible Franzose schert sich nicht um vordergründige Virtuosität und vom Publikum angeblich verlangte „Renner“; ungerührt widmet er sich den Urvätern der französischen Instrumentalmusik, den „Clavecinisten“ des 18. Jahrhunderts. Rameaus Suite a-Moll versieht er mit koketten Trillern, kann im Rankenwerk dabei immer neue Bassgänge, freche Stakkati oder zarte Mittelstimmen aufspüren. Agogisch spontan, mit ausgefuchster Pedaltechnik kolorierend geht es Tharaud nicht um historische Korrektheit, auch wenn er sich vom Cembaloklang inspirieren lässt. Dazu passt der zum Neoklassizismus strebende „Impressionist“ Ravel, dessen „Sonatine“ gegenüber dem großen Vorbild fast ein wenig blass, zu schematisch gestaltet wirkt. Faszinierend jedoch die Gegenüberstellung seines „Tombeau de Couperin“ mit ausgewählten Stücken dieses Barockmeisters – das „Prélude“ von 1914 ist plötzlich eine in hauchzarten Dissonanzen dahingetupfte Fortsetzung der barock murmelnden „Barricades Mistérieuses“; die halsbrecherischen Repetitionen in Couperins „Le tic-toc-choc“ schließen nahtlos an die Akkordkaskaden des Ravel’schen „Rigaudon“ an, als hätte man sich beim Komponieren gegenseitig über die Schulter geschaut.

Freddy Kempf, dessen Drittplatzierung anstelle eines 1. Preises im Tschaikowsky-Wettbewerb 1998 für Proteststürme des Publikums gegen die Juryentscheidung sorgte, der als „Golden-Age“-Pianist gerühmte 19-jährige Benjamin Grosvenor und Elisso Virsaladze, grande dame der russischen Schule, werden diesen gerade in seiner Gegensätzlichkeit verheißungsvollen Auftakt fortsetzen.

Konzerthaus, Kleiner Saal, je 20 Uhr. Heute: Freddy Kempf. 1. Juni: Benjamin Grosvenor. 2. Juni: Elisso Virsaladze.

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