Kultur : Überraschungssieger

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf macht die Probe

aufs Konzertexempel

Es geschah vor sechs Jahren in Fort Worth, Texas: Völlig überraschend deklassierte damals der Kalifornier Jon Nakamatsu , bislang Deutschlehrer an einer amerikanischen Highschool, die internationale Pianistenelite und gewann den VanCliburn-Wettbewerb, immerhin den wichtigsten der USA. Eine echte Sensation, die Nakamatsu natürlich sofort den Weg in die großen Konzertsäle und Aufnahmestudios ebnete. Und wer etwa seine fabelhaft fingerfertige, feinfühlige Einspielung von Rachmaninows drittem Klavierkonzert (erschienen bei harmonia mundi) kennt, weiß, dass Nakamatsu tatsächlich ein Ausnahmepianist ist. Höchste Zeit, dass der Bejubelte endlich mal nach Berlin kommt. Für sein Debüt hat er sich allerdings kein virtuoses Glitzerstück ausgesucht, sondern eines, das vor allem feines Stilgefühl und Sinn für Schattierungen verlangt: Mit dem Kammerorchester „Carl Philipp Emanuel Bach“ spielt er am Sonntag im Konzerthaus Mozarts letztes Klavierkonzert.

So ein Auftritt sollte eigentlich ein Ereignis sein, das mit Spannung erwartet wird. Doch dem ist leider nicht so: Viel lieber stürzen sich die Medien auf die unerfreulichen Begleiterscheinungen der Berliner Kulturszene: Zum Beispiel auf die markigen Drohungen, die BSO-Chefdirigent Eliahu Inbal Anfang der Woche vom Stapel ließ. Dass der Dirigent für sein Orchester Signale von der Politik fordert und die Frage seiner Vertragsverlängerung zum Thema macht, ist im Moment zwar nicht gerade diplomatisch, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Inbal mit dem BSO tatsächlich eine Menge erreicht hat: Klanglich und spieltechnisch ist das Orchester derzeit in ausgezeichneter Form, der schwierige Verjüngungsprozess (in den letzten Jahren wurde fast ein Viertel der Musiker pensioniert) ist nahezu abgeschlossen. Das nachzuprüfen, sind nicht nur die Kulturpolitiker, sondern auch die Berliner Konzertbesucher aufgefordert: Heute und morgen spielt das BSO unter der Leitung seines Chefs im Konzerthaus ein recht ungewöhnliches Programm, das neben Witold Lutoslawskis Cellokonzert (mit dem fabelhaften Solisten Boris Pergamentschikow und Schostakowitschs zehnter Sinfonie auch eine echter Rarität umfasst: Die Orchestervariationen „Istar“ des französischen Spätromantikers Vincent `Indy, von dem sich sonst höchstens einmal die melodiöse „Sinfonie über ein Berglied aus den Cevennen“ in die hiesigen Konzertsäle verirrt. Und Inbal sollte in Zukunft vielleicht einfach nur dirigieren. Und das Reden anderen überlassen.

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