Kultur : Übers Ausschweifen und Abfahren der jungen Literaten

Bruno Preisendörfer

Für manche eine traumhafte Vorstellung: Eines schönen Tages lässt man im alten Leben alles stehen und liegen und macht sich auf und davon in ein neues. Der Ausbruch aus dem Gefängnis des Alltags, die Flucht in die Fremde, die große Reise als kleine Revolte - in der Literatur spielt diese Art von Abenteuer seit jeher eine Rolle, und im Tourismus macht das Bedürfnis danach Milliardenumsätze. Überall auf der Welt wollen ziemlich viele Leute dahin, wo sie normalerweise nicht sind. Daß man sich selbst wohl oder übel mitnehmen muß, egal wie weltweit man unterwegs ist, wird im Rausch des Aufbruchs mit Wonne vergessen; oder auch ganz vorsätzlich und durchgeplant selbsterfahren. Aber auch der kurze Spurt aus der Routine, der Tapetenwechsel zwischendurch, erfrischt das Gemüt. Ein paar Tage genügen da oft schon, es müssen nicht gleich 80 Tage wie bei Jules Vernes oder 16 Jahre wie bei Claudia Metz und Klaus Schubert sein. "Abgefahren" heißt das Buch, in dem sie von ihrer Welt- und Lebensreise erzählen. Am Freitag um 20 Uhr präsentieren sie in der Passionskirche am Marheineke Platz eine "Diashow" (meine Güte, hätte es die "Dia-Schau" nicht auch getan?) mit Lesung. Am Sonnabend wird die Show-Schau in der Humboldt-Uni dann wiederholt (ebenfalls 20 Uhr).

Die 80er Jahre in Westberlin sind ein hübsches Leidensthema für melancholische Schriftsteller mit einer vier im Dekadenzähler des Lebensalters. Der Dreilindenblues bei umweltfreundlich handgeschobenen Autos zum Beispiel, die schmalen Förderbänder, auf denen das durch die Gegend ratterte, was die Behörden dieser Welt "Identitätspapiere" nennen, der Blödsinn mit der Eigenverbrauchsportion Dope im Kulturbeutel und die revolutionäre Wut, wenn man an den DDR-Grenzern endlich siegreich vorbei war und dann prompt von den Grünen auf der eigenen Seite aus der Rallye gefischt wurde, die nach dem langen Schleusenweg durchs Niemandsland unvermeidlich geworden war, so sehr juckte jedem der Gasfuß nach stundenlangem Hundertkilometerkrampf. Ja, ja, die ganzen ollen Geschichten, das Westberliner Veteranenzeugs, richtig romantisch im Rückblick, oder meinetwegen romanlich. Davon legen nicht nur ältere Unterfranken und Oberschwaben Zeugnis ab, besonders ausgiebig zwischen dem vierten und dem sechsten Bier in einer der wenigen, von "damals" übrig gebliebenen Kreuzberger Kneipen, sondern neuerdings auch jüngere Engländer, die in der zweiten Hälfte der 80er erst Anfang 20 waren. Wie Philip Hensher, dessen Roman "Die Stadt hinter der Mauer" heißt und mit einer Szene auf der Transitstrecke beginnt. Wenn Sie von dem Roman mehr hören und außerdem Philip Hensher sehen wollen, gehen Sie morgen um 20 Uhr in die Buchhandlung Ringelnatz (Zossener Str.15).

Die Jungen kommen und so. Oder sind schon da. Manche davon nicht im Literarischen Colloquium, sondern im Hotel Adlon, wie in dieser Zeitung kürzlich nachzulesen war in einem Artikel von Harald Martenstein, der von einem Treffen der Boygroup um Christian Kracht berichtete. Zu dieser intellektuell angenehm durchschnittlichen Form von schichtspezifischer Unterhaltungsliteratur will ich im Vorübergehen nur so viel sagen: Wenn das die neue literarische Elite ist, dann finde ich das voll süß, ihre Anmaßungsversuche sind so rührend. Was aber den "Generationswechsel" betrifft: Der wird auch in der Autorenbuchhandlung (Carmerstr. 10) vorangetrieben. Am Montag um 20 Uhr präsentiert Ingo Schulze, selbst immerhin auch noch nicht so lange eingewechselt, die literarischen Debüts von Ines Geipel ("Das Heft") und Terezia Mora ("Seltsame Materie").

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