Kultur : Übers Ziel hinausgeschossen

Die Bedeutung Berlins als Handelsplatz für Altmeistergrafik wird immer größer - dank der Galerie Bassenge, die bei ihrer Frühjahrsauktion mit Kunst des 15.bis 20.Jahrhunderts den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchte.Numerisch wurden von dem umfangreichen Angebot Alter Kunst etwa 80 Prozent abgesetzt, nicht seltenzu Preisen, die weit über die erwarteten Summen hinausschossen.

Das Hauptlos der Veranstaltung war der auf 150 000 DM angesetzte Kupferstich "Die große Kreuztragung" von Martin Schongauer (um 1480), die sich ein Schweizer Privatsammler gegen den amerikanischen Handel für eindrucksvolle 260 000 DM sicherte.In den New Yorker Handel gingen von Rembrandt die Radierung "Die Hütte bei dem großen Baum" von 1641 zu 78 000 DM (Taxe 45 000 DM) und der auf 12 000 DM geschätzte "Greis mit gespaltener Pelzmütze" (1640), der 28 000 DM einspielte (12 000 DM).Bei Cranachs Frühdruck des Holzstichs "Adam und Eva im Paradies" von 1509, für den 7500 DM erwartet wurden, hatte New York jedoch das Nachsehen: Wieder war es ein Schweizer Sammler, der das Blatt schließlich nach zähem Ringen für 70 000 DM sein Eigen nennen durfte.

Die eigentliche Überraschung der Veranstaltung waren die sieben um 1600 in den Niederlanden entstandenen Landschaftsradierungen, die Bassenge keiner bestimmten Hand zuordnen konnte.Vielleicht lag es nur an ihrer außergewöhnlichen Qualität, vielleicht aber waren die Bieter einfach schlauer als die Berliner Katalogbearbeiter: Mit 95 000 DM, die das Amsterdamer Kupferstichkabinett gegen den deutschen und amerikanischen Handel bewilligte, erzielte das Konvolut den zwölffachen Schätzpreis.Immerhin die Taxe verdoppeln konnte der Kupferstich "Nemo Non - Jeder schaut auf seinen eigenen Vorteil" nach Pieter Brueghel d.Ä., den ein hessischer Sammler für 43 000 DM erwarb.

Beliebt war auch Canaletto, dessen Idealansicht von Padua vom französischen Handel auf 40 000 DM getrieben wurde, während die Radierung "La Torre di Malghera" einen Schweizer Sammler 22 000 DM kostete (Taxen jeweils 12 000 DM).Schadows schöne, lavierte Federzeichnung der Königin Luise, um 1798, verließ Berlin in Richtung Süddeutschland für 38 000 DM (Schätzpreis 12 000 DM).Daß schließlich Max Klingers Folge "Eine Liebe" in Probedrucken von 1887 ausgerechnet in eine Privatsammlung in Washington überging, wäre ebenfalls nicht unbedingt zu erwarten gewesen (54 000 DM statt 40 000 DM).

Beim 20.Jahrhundert sah es nicht ganz so rosig aus.Hier kam es kaum zu nennenswerten Steigerungen.Preissprünge wie bei Vuillards Farblithografie "Maternité", die 40 000 DM erklomm (Wien privat, Taxe 20 000 DM), sowie bei Picassos Bildnis von Jacqueline, der Lithografie "Buste au corsage à carreaux" von 1958, die von 24 000 DM auf 52 000 DM kletterte (Kölner Handel), waren die Ausnahme.Georges Braques kubistische Kaltnadelradierung "Job" aus dem Jahr 1911 wurde einem Berliner Privatsammler schon für 28 000 DM zugeschlagen (Taxe 40 000 DM).Auch Otto Muellers Lithografie "Kopf Maschka", bei der es sich um den einzigen bekannten Abzug handelt, blieb mit 20 000 DM weit unterhalb der Schätzung (30 000 DM).Wassily Kandinskys abstrakte Federzeichnung von 1941 (45 000 DM) ging ebenso zurück wie Paul Klees skurrile Zeichnung "Berg-Tiere" (1926, 30 000 DM) und Laszlo Moholy-Nagys späte Gouache von 1944 (12 000 DM).

Bei Hans Baluschek und Lesser Ury regte sich nicht mal der Lokalpatriotismus: Baluscheks 37 Lithografien der Mappe "Volk" von 1925/26 wollte für 18 000 DM niemand haben, und Urys Pastell "Märkische Seenlandschaft mit Abendlicht", das vielleicht nicht zu seinen ganz starken Arbeiten gehörte, war mit 30 000 DM anscheinend ebenfalls viel zu teuer taxiert. MK

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben