Kultur : Überschall

Die Pianistin Lise de la Salle im Kammermusiksaal

Christine Lemke-Matwey

Mit 19 ist man eigentlich aus dem Gröbsten heraus. Hat die erste Rebellion und Depression hinter sich, kennt halbwegs seine Grenzen und weiß, was man alles nicht will. Die französische Pianistin Lise de la Salle ist jetzt 19 und hat ihr Leben, wie sie selber sagt, hauptsächlich mit Älteren verbracht. Mit sieben waren ihre Freunde 12, mit 14 mussten es 20-Jährige sein – als sei sie ihrer Zeit seit jeher um Längen voraus. Von den Schwierigkeiten eines derart raschen, frühen Erwachens und Reifens handelte nun ihr Klavierabend im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie.

Mit dem üblichen Schema freilich – Wunderkind zerbricht an den rauen Realitäten der Erwachsenenwelt – kommt man bei der Französin nicht weit. Schon die Entschlossenheit, mit der sie (hochhackige Pumps, fliegende Frackschöße) an den Flügel eilt, verheißt einen eigenen Kopf. Und die Programmauswahl lehrte selbst gestandene Pianisten das Fürchten: Beethovens Es-Dur Sonate aus op. 31 nebst der „Pathétique“ im ersten Teil, Schumanns späte symphonische Etüden nach der Pause. Schwere Geschütze, die wohl aus jugendlicher Unbefangenheit heraus erleuchtet werden können, letztlich aber ohne intellektuelle Tiefenschärfe nicht auskommen. De la Salles Problem? Das eine ist sie nicht mehr, das andere noch nicht, technisch an diesem Abend mittelmäßig konzentriert mäandert sie also zwischen allen Polen – und lässt sich ganz offensichtlich schlecht oder gar nicht beraten.

Dabei gelingen ihr Schumanns Etüden überzeugender als die Beethoven-Sonaten. Zieht man de la Salles überraschend kompakten Anschlag in Betracht und ihre Neigung, kaum eine Phrase zu Ende zu denken, kaum einen Lauf (fehlerfrei!) auf dem eigenen Atem perlen zu lassen, kaum einen dynamischen Kontrast wirklich zu vermitteln, dann wird klar, warum: Die Virtuosität, mit der Schumann hier vom Lyrischen ins Symphonische ausgreift, ins Räumliche, sie vereitelt derlei Unarten (wie auch die Zugaben von Rachmaninoff und Prokofjew). Beethoven hingegen verlangt Rede und Gegenrede, eine saubere Tektonik des Gesprächs – und ein Wissen um die Welt, das man sich mit Überschallgeschwindigkeit nicht einverleiben kann. Jedenfalls nicht ohne dass die Musik dabei aus den Fugen gerät. Christine Lemke-Matwey

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